Diplomatie - Neuseeland erlaubt wegen Corona-Krise Rückholflüge für Tausende Deutsche / Urlauber aus der Region betroffen Abreise aus dem Paradies

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Bettina Eschbacher
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Warten am Flughafen: Viele Reisende in der ganzen Welt können wegen der Corona-Beschränkungen nicht nach Hause. © dpa

Mannheim. Sie sind in ein Paradies geflogen, aber jetzt, in der Corona-Krise, wollen die deutschen Touristen nur noch eines: Raus aus Neuseeland, heim nach Deutschland. Und seit Donnerstag können sie wieder hoffen: Die neuseeländische Regierung erlaubt wieder Rückholflüge des Auswärtigen Amtes.

Historische Aktion

  • Bei der Rückholaktion des Auswärtigen Amtes sollen 200 000 Deutsche geholt werden, die sonst keine Möglichkeit zur Heimreise haben.
  • Bislang wurden mindestens 187 000 Deutsche zurückgeholt. 170 Sonderflüge wurden gechartert.
  • Das Auswärtige Amt schätzt die Kosten auf bis zu 50 Millionen Euro. Es ist die größte Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik.
  • In der Regel müssen Reisende einen Anteil in Höhe des Preise für ein Economy-Ticket zahlen. be
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Die Erleichterung ist groß, auch in der Facebook-Gruppe „#Gestrandet in Neuseeland“. Fast 2000 Betroffene tauschen sich dort über die neuesten Infos der Deutschen Botschaft, aber auch ihre Nöte und Sorgen allein im Hotel aus. Inzwischen herrschen auch in Neuseeland strenge Regelungen zur Eindämmung des Coronavirus. Im „Lockdown“ wurde eine Ausgangssperre mit wenigen Ausnahmen verhängt. Einige Deutsche berichten sogar von Anfeindungen, weil sie als Touristen für das Einschleppen des Virus verantwortlich gemacht würden.

Unter ihnen ist Sophie Pfaff aus Limburgerhof: „Ich freue mich, dass es weitergeht“, sagt sie zum Neustart der Rückholflüge. Ein Jahr hatte sie als Au Pair bei einer Familie in Invercargill im Süden Neuseelands gearbeitet. Nach einem tränenreichen Abschied von der Familie wollte sie mit einer Freundin im Van durch das Land reisen. „Die Welt war noch in Ordnung, als ich schwimmen mit Delfinen bei Sonnenaufgang war. Als wir zurück an Land kamen, ging der Trubel los“, erzählt sie. Ihre Fluglinie Emirates hatte alle Flüge eingestellt. Unzählige Telefonate mit dem Papa und mehrere Versuche, einen Flug zu buchen, waren vergeblich. Immer wieder taten sich Optionen auf – und immer wieder wurden die Flüge gestrichen. „Ein ewiges Hin und Her“, sagt sie.

Einsamkeit und langes Warten

Dann schlossen die Campingplätze, die Reise mit dem Van war nicht mehr möglich. Sophie entschied sich wie viele andere Betroffene, möglichst in der Nähe eines Flughafens auf die Rückholflüge zu warten. Seit anderthalb Wochen versucht sie nun im Hotel, sich die Zeit zu vertreiben. Die Hotelangestellten seien sehr hilfreich, auch die Essenspreise seien reduziert worden. Sie wisse, dass es ihr viel besser als anderen Gestrandeten gehe, sagt Sophie, aber man fühle sich doch einsam.

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Ähnlich geht es Hannah Arzberger aus Bensheim. Nach einem halben Jahr als Au pair auf der Südinsel wollte sie noch zwei Wochen durch das Land reisen – und wartet stattdessen in einer AirBnB-Wohnung in Christchurch auf die Heimreise. Im Lockdown darf sie nur noch zum Einkaufen und Spazierengehen raus – mit strengen Abstandsregeln. Und so langsam gehen ihr die Ideen – und auch das Geld – aus, was sie den ganzen Tag über tun könnte. „Schlecht geht es uns nicht“, betont die 19-Jährige. „Aber in so einer Situation wäre man am liebsten bei seiner Familie in Deutschland.“ Zu den Corona-Risikogruppen zählt die Heppenheimerin Bärbel Geisler als 73-Jährige. Sie ist seit Anfang Februar in Neuseeland, mit einem Programm, bei dem Frauen in aller Welt sich gegenseitig Besuche anbieten. Sie ist bei einer großzügigen Gastgeberin untergekommen und verstehe sich gut mit ihr, sei von Neuseeland begeistert. Sie wolle der Frau aber nicht länger als nötig „auf die Nerven fallen“. Bärbel Geisler hat auch Verständnis für die restriktiven Maßnahmen von Premierministerin Jacinda Ardern und ihrer Regierung, die von anderen Ländern gelernt habe.

Rund 11 000 Deutsche haben sich nach Angaben der Deutschen Botschaft in Wellington auf die Liste des Auswärtigen Amtes rückholaktion.de eingetragen. So viele wie nirgendwo sonst. Die Rückholaktion des Auswärtigen Amtes war zwar vor einer Woche angelaufen, musste nach einem Flug aber ausgesetzt werden. Die neuseeländische Regierung ließ keine Charterflüge mehr zu, sie wollte verhindern, dass Tausende unkontrolliert zu den beiden Flughäfen in Auckland und Christchurch kommen. Inzwischen ist eine Einigung für den Transport gefunden. Zwischen den Zeilen ist bei den Mitteilungen des Botschafters Stefan Krawielicki herauszuhören, welche diplomatischen Anstrengungen dafür wohl nötig waren. Dazu kommen die logistischen. Viele Transitstrecken sind gesperrt. Und es werden unzählige Flüge von Lufthansa und Air New Zealand nötig sein, um alle heimzubringen.

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Redaktion Bettina Eschbacher ist die Koordinatorin Wirtschaft und Wirtschaftsredakteurin.

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