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Burgund - In Guédelon entsteht ein mittelalterliches Bauwerk mit alten Techniken und in Handarbeit

Stein im Stein wächst die Trutzburg

Von 
Heidrun Lange
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Baumeister Heinz Koenen mit dem Plan seines Projekts. © Heidrun Lange

In Guédelon scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Stein um Stein wird eine mittelalterliche Burg in Handarbeit mit den Techniken und Materialien jener Epoche neu errichtet. Michel Guyot ist der Initiator des Projektes. Über 60 Mitarbeiter und viele freiwillige Helfer errichten seit 1997 eine Trutzburg nach Plänen aus dem 13. Jahrhundert. Das Projekt kann man besichtigen und sogar mitarbeiten.

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Aus der Lichtung des Waldes im französischen Département Yonne ragen halbfertige Wehrmauern, kreisrunde Flankierungstürme und ein eingerüsteter Turm in die Höhe. Ein Pferdewagen hält direkt vor der Baustelle und bringt Mörtel. Dieser wird in großen Weidekörben mit Hilfe eines Lastenaufzugs durch Körpereinsatz, eine Art Hamsterrad wie in der Antike, hinauf zu den Maurern gezogen. Michel Guyot, Kunsthistoriker, Eigentümer und Restaurateur des Schlosses Saint-Fargeau im Département Yonne, hatte die Idee, eine Ritterburg zu bauen, die weit über die Restaurierung alter Bausubstanz hinausging.

Wie wurde früher gebaut?

Schon damals stellte Guyot sich immer wieder die Frage. Wie man dieses oder jenes im Mittelalter wohl gebaut hat? Während der Restaurierung seines über zehn Kilometer entfernten Schlosses stieß man mitten im Eichenwald auf eisenhaltigen Buntsandstein aus dem 13. Jahrhundert. Das war der entscheidende Grund für diesen Bauplatz im Wald von Guédelon. Ein Bauteam legte am 20. Juni 1997 den ersten Stein. Steinhauer, Steinmetze, Zimmerleute, Schmiede, Töpfer und Seiler arbeiten mit ihrem Baumeister Heinz Koenen auf dieser mittelalterlichen Baustelle mit den Methoden, Materialien und Hilfsmitteln aus dem 13. Jahrhundert.

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Wassermühle, befestigte Ringmauer, Ausfallpforte, Brücke, Waffensäle mit Fächergewölben, Dachgebälk des Wohngebäudes, das alles wurde schon unter den Augen von tausenden Besuchern geschaffen. Denn Zuschauer sind erwünscht. Und diese kommen zahlreich und lassen sich erklären, wie das alles funktioniert, so ohne Presslufthammer, Motorsäge und Kran. „Viele Handgriffe aus unserer Zeit sind nicht vergleichbar mit denen des Mittelalters. Die gut ausgebildeten Handwerker müssen ihr Handwerk neu lernen. Und ich selbst habe Steine im Steinbruch gespalten wie einst unsere Ururgroßväter“, erzählt der Baumeister Heinz Koenen. Doch genau das machen die Bauarbeiten der Burg so besonders und wertvoll. Anfangs belächelt und als unseriös abgetan, zog das Projekt schon bald das Interesse von Archäologen, Kunsthistorikern und Burgenkundlern an. Jeder Handgriff wird protokolliert, Fotos werden archiviert. Mittlerweile sowohl wissenschaftlich begleitet und vom französischen Staat und der EU finanziell gefördert. „Bauhistoriker geben Hinweise, wie Ende des 12. und Anfang des 14. Jahrhunderts gebaut wurde, wissen allerdings nicht alle Details. Sie analysieren die fertigen Gebäude und erforschen, ob ihre wissenschaftlichen Vermutungen stimmen“, sagt der Bauleiter.

Rund um die Burg stehen Handwerkerhütten, in denen die notwendigen Materialien für die Burg bearbeitet werden. Neben Steinmetzen und Zimmerleuten gehören die Schmiede zu den wichtigsten Zünften. So wie früher wird hier gearbeitet. In der Schmiede sprühen die Funken, die über einen Rauchfang abziehen. Ein schlaksiger junger Mann bedient den Blasebalg und hält mit der Zange einen Eisenbarren über das Schmiedefeuer, aus dem eine Klinge werden soll. Auf der Bank liegen Nägel, Holz-, und Metallsplitter. Über 700 Nägel wurden in die Brücke eingehämmert.

Die Zimmerleute bauten die Holzhütten für die Handwerker und fertigen die Gerüste und die Schalungen für den Gewölbebau an. Auch das hölzerne Laufrad und die Pferde- und Schubkarren stammen aus ihrer Werkstatt, sowie die Balken für die Brücke, die über den Burggraben führt.

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Viele Freiwillige arbeiten mit

Die Steinmetze bearbeiten jeden der Bruchsteine mit Dorn, Schlegel und Setzhammer zu einem brauchbaren Quaderstein. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis er die gewünschte Form hat.

Einige der Arbeiter sind fest angestellt, andere sind Freiwillige. Einer unter ihnen ist Charles Feixido. „Ich war gleich fasziniert, als ich die Baustelle sah. Unter freiem Himmel bei Wind und Wetter arbeiten, das ist toll“, sagt der Koch im richtigen Berufsleben. Charles trägt einen einfachen roten Baumwollanzug und hält eine drei Kilo schwere Axt in seiner Hand. Diese hat einen leicht gebogenen Stiel und eine seitlich geschmiedeten Schneide, damit er sich beim Abschlagen des Spans nicht verletzt. Seit einem Jahr schlägt der junge Franzose gemeinsam mit weiteren Zimmerleuten Splintholz vom Baumstamm. Der harte Kern im Inneren liefert die Festigkeit für das Gewölbe, das vor einiger Zeit im Gästezimmer unter der Decke eingefügt wurde. Das hält bestimmt einigen Stürmen stand, ist sich der 29-Jährige sicher.

„Der Bau des Kreuzrippengewölbes im Burgfried gilt unter den Wissenschaftlern als bisher größte Leistung in Guédelon. Ähnliches wurde noch nie mit den einfachen Methoden des Mittelalters nachgebaut“, sagt Koenen. In einigen Räumen gibt es schon erste Wandmalereien. Schließlich gehören sie zu einer Burg. Die Motive sind im Gegensatz zu früher, wo Szenen aus der Legende und Porträts der Burgherren gemalt wurden. Die wirken als würde auf der Wand mitten in der Natur ein Garten entstehen. Bei der Herstellung der Farbtöne kann man den Frauen zusehen, wie sie Steine, Erde und Pflanzen in einem Mörser fein zerreiben.

Als der Bau 1997 begann, setzte Michel Guyot das Jahr 2025 für die Fertigstellung fest. Dieser Zeitpunkt ist nun in greifbare Nähe gerückt, ein Ende allerdings noch nicht in Sicht. Eine weitere Idee ist in Planung. Steinhäuser und eine Kirche könnten dazu kommen. In diesem abgelegenen Wäldchen des Burgunds scheint Zeit keine Rolle zu spielen.

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