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FN-Interview - Jörg Widmann spricht über das Konzert beim Mozartfest und sein Leben als Musiker und Komponist

„Für diese Sternstunden machen wir es“

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ferö
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Unmittelbar nach dem Konzert beim Würzburger Mozartfest war ein Gespräch mit dem charismatischen Künstler Jörg Widmann möglich.

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Herr Widmann,nachdem Sie 2014 erster Artiste étoile des Mozartfestes waren, wurde der Kaisersaal in den nächsten Jahren fast zu ihrem Wohnzimmer?

Jörg Widmann (lacht): Das Mozartfest mit Evelyn Meining ist für mich eine Heimat geworden. Ich spüre das. Wenn ich zu den Proben mit den Orchestern komme, ist es für mich wie ein künstlerisches Nach-Hause-Kommen. Wir haben von Anfang an Programme gemacht. Ich glaube sehr daran, dass man Programme komponiert. Heute haben wir zwei frühe Mendelssohns, als er 15 Jahre alt war, und einen Mozart aus seinem Todesjahr. Es ist eine faszinierende Kombination, die man beim Mozartfest realisieren kann.

Inwieweit ist durch die Konfrontation mit zeitgenössischer Musik auch ein Jörg Widmann im Programm, wie die Intendantin Evelyn Meining gerade ergänzend „einwirft“?

Widmann: Bei dem Andante aus der Sonate für Klarinette und Klavier Es-Dur von Mendelssohn Bartholdy war die Bearbeitung ein alter Wunsch von mir. Es war eines der ersten Stücke, die ich als Klarinetten-Schüler gespielt habe. Ich hatte einen tollen argentinischen Lehrer. Er hatte sich ans Klavier gesetzt und mich mit diesem langsamen Satz begleitet. Da habe ich mich als Kind in dieses Stück verliebt. Mendelssohn selbst war ja noch ein halbes Kind, als er das Stück schrieb. Viele Jahre später habe ich es bearbeitet. Es ist eine riesenhafte Partitur, weil jeder Streicher eine eigene Stimme hat. Ich habe mir erlaubt, die Harfe und Celesta hinzuzunehmen. Aber die Klarinetten-Solostimme ist unangetastet.

Warum fallen besonders die – sonst eher unspektakulären – Klänge der Celesta so reizvoll auf?

Widmann: Es klingt zwar altmodisch, aber ich versuche, dieser wunderbaren alten Musik von Mendelssohn zu dienen. Ich will mich nicht vor ihn schieben. Trotzdem habe ich in der Reprise viel verändert, ohne dass ich eine einzige Note der Klarinette verändert hätte.

Gibt es auf ihrem künstlerischen Weg Zeiten, in denen sie sich besonders stark auf einen Bereich als Klarinettist, Komponist oder Dirigent fokussiert haben?

Widmann: Zum Komponieren braucht man Wochen, in denen man sich darauf konzentriert. Wenn man auf einer Tournee unterwegs ist wie jetzt, bleibt dafür keine Zeit. Früher habe ich das gemacht und nachts noch komponiert. Da sagt mir heute mein Körper eindeutig „nein“. Aber Mitte des 19. Jahrhunderts wäre es gar nicht der Erwähnung wert gewesen, weil es für die Musiker selbstverständlich war, auch zu komponieren. Und für die Komponisten, auch ein, zwei Instrumente zu spielen. Für mich hat diese Einheit des Musiker-Seins nie aufgehört.

Wie erging es Ihnen nach der langen Corona-Zeit beim ausverkauften Konzert in der Residenz?

Widmann: Vor meinen eigenen Befindlichkeiten denke ich erst einmal an meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die im Lockdown viel, viel mehr gelitten haben als ich; gerade die Freischaffenden, mit denen ich in Kontakt bin. Denen gehört mein ganzes Mitgefühl. Für mich war die Pandemie wie eine Vollbremsung. Ein halbes Jahr habe ich nicht mehr komponieren können. Heute hatte ich den Eindruck, dass sich unsere Freude am Musizieren auf das Publikum übertragen hat und die Zuhörer gespürt haben, dass etwas Besonderes passiert ist. Für diese Sternstunden machen wir es.

Trotzdem gab es keine Zugabe?

Widmann: Ich bin kein großer Freund von Zugaben. Wenn es nicht anders geht, mache ich sie. Aber diese Art von Konvention ist mir fremd geworden. Gerade heute bei dem Klarinettenkonzert mit unfassbarer Lebensfreude und Liebe war einfach alles gesagt. ferö

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