Leserbrief

Riskantes Manöver

Verständnis für Retter in höchster Eile notwendig

Der Leserbrief des vereidigten Kfz-Sachverständigers aus Lorsch („Riskantes Manöver eines Retters führte fast zu Unfall“) kann nicht unkommentiert bleiben. Ich war bei der beschriebenen Verkehrssituation nicht zugegen, so dass ich diese nicht beurteilen kann, aber dass man ein Rettungsfahrzeug mit eingeschalteten Sonderrechten aufgrund dessen hoher Geschwindigkeit nicht wahrnehmen konnte, lässt vermuten, dass der Leserbriefschreiben nicht voll und ganz auf den Straßenverkehr konzentriert war. Ablenkungsgründe in und um das Fahrzeug gibt es viele.

Nicht jeder macht sofort Platz

Tagtäglich hören wir im Radio wie Rettungsgassen auf Autobahnen und autobahnähnlichen Bundesstraßen gebildeten werden müssen, weil viele Autofahrer nicht – wie gesetzlich vorgeschrieben – sofort eine Rettungsgasse bilden oder sogar die Rettungsfahrzeuge auf deren Einsatzfahrt vorsätzlich behindern und ausbremsen. Und nun schafft es ein Pkw-Fahrer innerhalb der Stadt Lorsch angeblich nicht, einem herannahenden Rettungswagen gefahrlos die erforderliche freie Fahrt zu ermöglichen? Es sollte doch selbstverständlich sein, dass man einem herannahenden Rettungswagen sofort Platz macht und nicht wartet, bis der Rettungswagenfahrer verzweifelt versucht, sich ein Durchkommen zu ermöglichen.

Rücksicht ist vorgeschrieben

Ein Pkw-Fahrer sollte die „Bibel“ des Straßenverkehrs, hier ist die Straßenverkehrsordnung gemeint, kennen. Nur um einige Vorschriften aus der Straßenverkehrsordnung zu nennen: Paragraf 1 (1): Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Paragraf 3: Wer ein Fahrzeug führt, darf nur so schnell fahren, dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird. Die Geschwindigkeit ist insbesondere den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- sowie den persönlichen Fähigkeiten und den Eigenschaften von Fahrzeug und Ladung anzupassen.

Paragraf 11 (3): Auch wer sonst nach den Verkehrsregeln weiterfahren darf oder anderweitig Vorrang hat, muss darauf verzichten, wenn die Verkehrslage es erfordert.

Paragraf 23 (1): Wer ein Fahrzeug führt, ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeuges beeinträchtigt wird.

Paragraf 35 (5a): Fahrzeuge des Rettungsdienstes sind von den Vorschriften dieser Verordnung befreit, wenn höchste Eile geboten ist, um Menschenleben zu retten oder um schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden. So ist in den Erläuterungen zum Gesetzestext aufgeführt: Der Führer eines Einsatzfahrzeuges der Feuerwehr darf im innerstädtischen Verkehr darauf vertrauen, dass noch mindestens 50 Meter von der Kreuzung entfernte Fahrzeuge auf ihr Vorfahrtsrecht verzichten, wenn sie das Einsatzfahrzeug bemerken (OLG Köln).

Paragraf 38 (1): Blaues Blinklicht zusammen mit dem Einsatzhorn: Es ordnet an, dass alle übrigen Verkehrsteilnehmer sofort freie Bahn zu schaffen haben.

Somit stellt sich für mich die Frage, wer von wem geschützt werden muss? Ist es der unter extremen Stress stehende Fahrer eines Rettungswagens, der dringend zu einem Notfall muss und dabei noch die gesetzlich vorgegebene Hilfeleistungsfrist von zehn Minuten einhalten muss, oder ein spazieren fahrender Pkw-Lenker, dem es nicht zuzumuten ist, Platz für einen Rettungswagen im Einsatz zu machen?

Bei Rettungskräften nachfragen

Ein altes Indianersprichwort sagt: „Um seinen Feind zu verstehen, muss man erst in den Schuhen seines Feindes gelaufen sein.“ Daher empfehle ich allen, die sich durch Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn von Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr und Katastrophenschutz belästigt fühlen, mal den nächsten Tag der offenen Tür dieser Organisationen zu besuchen und sich bei den „Rettern“ persönlich über deren Erfahrungen im Straßenverkehr zu erkundigen und zu überlegen, was passieren würde, wenn es diese Leute plötzlich nicht mehr gäbe.

Bei allen Organisationen wird regelmäßig das Thema Einsatzfahrt und Straßenverkehrsordnung in Unterrichten gelehrt. Abschließend wünsche ich allen Lesern eine gute Fahrt, damit möglichst wenige Rettungsfahrzeuge mit Sondersignal eingesetzt werden müssen.

Jürgen Wolf

Bensheim

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