Leserbrief

Schule beim Hessentag

Pädagogen als Lobbyisten des Militärs

„Besuch bei der Bundeswehr“, BA vom 18. Juni:

Unglaublich, aber wahr. Eine ganze Jahrgangstufe der Rimbacher Dietrich-Bonhoeffer-Schule besuchte den Hessentag in Bad Hersfeld. Nicht etwa um in erster Linie „Live-Übertragungen des Hessischen Rundfunks in Radio und Fernsehen“ oder die „vielen Pavillions und Stände“ zu betrachten. Nein, in erster Linie waren die 13 bis 14-Jährigen der Einladung der Bundeswehr gefolgt, natürlich von ihren Lehrern organisiert.

Schulfrei für die Bundeswehr? Als Lehrerin und aktive Gewerkschafterin frage ich mich, was sich die Kollegen dabei gedacht haben. Was für ein falsches Bild geben wir unseren Kindern, wenn wir sie auf Panzern herumklettern lassen, als wären sie auf einem Spielplatz? Es ist skandalös, minderjährige Schutzbefohlene ausgebildeten smarten Jugendoffizieren zu überlassen.

Eine grundsätzliche Kritik an der Existenz der Bundeswehr und ihren Auslandseinsätzen scheint wohl zu fehlen. Technikinteressierten Kindern einen Helikopter vorzuführen, mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen, um sich dann am Erbseneintopf in der Feldküche zu laben, ist eine abscheuliche Form von Manipulation. Waffen und Einsätze brachten in der Vergangenheit nur Elend und Tod.

Proteste gegen die Waffenschau sind nicht neu. Ob in Kassel, Wetzlar oder in Bensheim 2015 formierte sich der Widerstand gegen die Präsenz der Bundeswehr, die sich gezielt extrem junge Schüler für ihre Anwerbemaßnahmen aussucht.

Seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 ist es schwieriger geworden, an junge Rekruten heranzukommen. Die Bundeswehr nutzt jede Möglichkeit. Und ist bei Jugendlichen erfolgreich: Im Mai 2017 wurde bekannt, dass die Bundeswehr 25 Prozent mehr Minderjährige eingestellt und damit einen neuen Rekordwert erreicht habe. Die Ausbildung in der Truppe haben 698 Soldaten auf Zeit und 1209 freiwillig Dienstleistende unter 18 Jahre begonnen.

Diese Soldaten werden zwar vorerst nicht in „bewaffneten Konflikten“ eingesetzt, aber darauf professionell vorbereitet. Wir Lehrkräfte sollten uns für den sofortigen Stopp von Werbung der Bundeswehr einsetzen, die sich gezielt an Minderjährige richtet, zum Beispiel an Schulen, bei Sport-, Abenteuer- und Musikveranstaltungen und auch auf den Hessentagen. Pädagogen, die schulfrei für die Bundeswehr wollen, machen sich zu Lobbyisten des Militärs. Dafür wurden wir nicht ausgebildet.

Jutta Mussong-Löffler

Mitglied des Kreisvorstandes

der GEW

Bensheim

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