Leserbrief

Leinenzwang

Nicht alle Hundehalter in Sippenhaft nehmen

Seit dem 1. Januar 2018 gilt in Bensheim die „Satzung über den Leinenzwang für Hunde während der Brut- und Setzzeit“. Seitdem ich davon weiß, ärgere ich mich darüber. Die Satzung bedeutet faktisch, dass auf dem gesamten Bensheimer Gemeindegebiet vom 1. März bis zum 30. Juni Leinenpflicht gilt, da ja nach der Gefahrenabwehrordnung der Stadt Bensheim die Leinenpflicht auch in allen öffentlichen Anlagen und städtischen Einrichtungen sowie in der Innenstadt gilt.

Wir haben einen jungen Hund, der also in dieser Zeit nirgends ohne Leine herumtoben, geschweige denn mit anderen Hunden spielen kann. Auch das Spazierengehen ist deutlich eingeschränkt, da wir entweder alle fünf Meter stehen bleiben müssen, damit der Hund in Ruhe schnüffeln kann, oder unserem Vierbeiner dieses Vergnügen verbieten müssten. Artgerechte Tierhaltung sieht anders aus.

Hundesteuer wurde 2017 erhöht

Ich will nicht missverstanden werden: Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass Rücksicht auf Wildtiere genommen werden soll. Nur kann es doch nicht sein, dass aufgrund einiger weniger schwarzer Schafe alle anderen Hundebesitzer in Sippenhaft genommen werden.

Und das ist in Bensheim ja ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung. Jedes Jahr kommen mehrere 100 000 Euro Hundesteuer zusammen. Allein im Jahr 2017 waren Mehreinnahmen in Höhe von 50 000 Euro für die Erhöhung der Hundesteuer eingeplant. Daraus schließt man, dass es mehr als 2500 Hunde in Bensheim geben muss. Wenn man dann mit ca. zwei Personen pro Haushalt mit Hund rechnet sind also mindestens 5000 Bürger in Bensheim von der Satzung betroffen – eher deutlich mehr.

Ich glaube nicht, dass man deren Rechte so stark einschränken kann. Das OLG Dresden hat in einem Urteil vom 2. Juli 2007 gegen die Stadt Zwickau entschieden, die ebenfalls eine generelle Anleinpflicht vorsah. Begründung: Mit der räumlich unbeschränkten Geltung im gesamten Stadtgebiet würde dem Anspruch der Bevölkerung auf Schutz vor Belästigung und Gefahren einseitig zu Lasten der Hundehalter Rechnung getragen. Eine Klage gegen die Bensheimer Satzung hätte vermutlich Aussicht auf Erfolg.

Ich hätte noch eine Frage zur Begründung der Satzung. Es ist sicher schlimm, wenn ein Reh durch einen Hund gerissen wird, jedoch hätte ich gerne einmal gewusst, wie häufig das vorkommt. Wie man nachlesen kann, wurden in Deutschland im Jahr 2016/2017 über 1,2 Millionen Rehe geschossen. Tendenz steigend – unter anderem um den Waldbestand zu schützen. Wie steht das in der Relation zu den durch Hunde gerissenen Rehen? Und wie viele Schüsse sind sofort tödlich?

Die Brut- und Setzzeit geht ja jetzt dem Ende zu, die Leinenpflicht ist für dieses Jahr vorbei. Vielleicht findet sich aber auch die eine oder andere Partei in Bensheim, die sich im Sinne von 5000 potenziellen Wählern vor dem nächsten 1. März entweder für ausreichend Flächen einsetzt, auf denen Hunde frei toben dürfen, oder die den Leinenzwang ersatzlos abschafft.

Wolfgang Weiß

Bensheim

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