Leserbrief

Bildung

Manche Lehrer arbeiten permanent an ihrem Limit

„Manche Lehrkräfte sind wochenlang untergetaucht“, BA vom Montag, 27. Juli

Der Artikel zeigt eine Seite der Corona-Zeit in Schulen. Ich hatte als Oberstufenlehrerin zwei Klassen zu betreuen, weil eine Kollegin aus Fürsorge nicht kommen konnte. Ihr Mann hatte einige schwere Herzoperationen in kurzer Zeit zu überstehen.

Neben den zwei Oberstufenklassen kam noch Homeschooling im Wechsel mit den Schülergruppen hinzu. Die Klassen waren anzahlmäßig halbiert worden. In der ersten Zeit der Notbetreuung hatte ich über das Jugendamt die Jugendlichen mit einer Sondergenehmigung in die Schule bekommen, die zu Hause große Schwierigkeiten hatten. So gingen wir jeden Morgen in den Schulgarten, haben zwei bis drei Stunden gearbeitet, um danach die Hausaufgaben zu erledigen, die sie nicht allein bewältigen konnten.

Ja, es gab Lehrer die „untergetaucht“ sind, weil auch wir nur Menschen und manche davon permanent am Limit ihres Kräftehaushaltes sind.

Zweifel an besseren Chancen

Immer wenn ich eine Forderung nach mehr digitaler Bildung lese, die in diesem Artikel auch anklingt, frage ich mich, wer daran glaubt, dass diese Schüler später einmal bessere Chancen hätten. Meine Erfahrung nach über 40 Jahren an Schulen heißt: Auch wenn Sie etwas gut können, wenn Sie sozial nicht kompatibel sind, wird Ihnen Ihr Können nicht viel nützen. Das Soziale und das Menschsein lernen Sie nicht im digitalen Unterricht, in der digitalen Welt. Sie lernen es nur mit den Menschen. Und immer noch lernen die Schüler mehr durch ihren Lehrer und ihre Mitschüler.

Gerade in der Oberstufe sind Unterrichtsgespräche sehr wichtig – auch, um zu hören, wie andere denken, seine eigene Meinung zu überprüfen, gegebenenfalls zu revidieren. Das sinnlose Lernen für Prüfungen lehne ich kategorisch ab. Die Schüler vor Computer oder Tablets zu setzen, kann auch sehr bequem sein. Ich muss nichts vorbereiten, muss mir keine Strategien überlegen, wie ich die Zusammenhänge der Welt den Schülern näher bringen kann. Im Netz findet sich ja alles.

Wofür soll das dienen?

Ich weiß aber nicht, welche Vorstellungen von der Welt sich da in den kleinen und größeren Hirnen bildet. Das bekomme ich nur mit, wenn wir Menschen eine Verbindung haben. Bei der nächsten Forderung nach digitaler Bildung einfach mal fragen, wofür sie dienen soll. Denn die Sinnhaftigkeit wird ja meistens nicht erwähnt.

Marion Dingeldey

Bensheim

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