Leserbrief

Gesellschaft

Hassreden sind der Einstieg in die Gewalt

Die Geschichte sollte uns gelehrt haben, dass jede radikale Umsetzung einer Religion beziehungsweise einer politischen Ideologie immer unter Blut und Tränen vollzogen wird. Selbst wenn wir uns heute mit unserer Politik gerne auf das Christentum als Grundlage berufen, dürfen wir nicht vergessen, unter welchen grauenhaften Voraussetzungen das angeblich tragende Fundament unserer Demokratie geschaffen wurde. Heute wird man sagen, dass bei uns das Kapitel der unterschiedlichsten Glaubensrichtungen weitestgehend friedvoll gelöst sei.

Umso kritischer, aber auch mit Sorgen, betrachten unsere Bürger die brutalen Auseinandersetzungen in der muslimischen Welt, aber jetzt auch die Zunahme der Gewalttaten, zum Beispiel in Ostdeutschland. Nicht zuletzt verbunden mit der Sorge, dass durch eine weniger kontrollierte Zuwanderung nach Deutschland beziehungsweise Europa deren Unruhen auch bei uns ausgetragen werden.

Zerstörerische Methoden

Anstatt nun in sachlicher, aber konsequenter Form, Gegenmaßnahmen mit zu entwickeln, versuchen Unbelehrbare mit zerstörerischen Methoden oder nazistischen Floskeln unsere Demokratie zu unterhöhlen.

Ich erinnere mich gut an meine Jugend, wie in den Dreißigerjahren der Hass gegenüber Andersdenkenden geschürt wurde. Parolen wie „Die Juden sind unser Unglück“ und „Kauft nicht bei Juden“ wurden an die zu den jüdischen Geschäften gehörenden Fensterscheiben geschmiert – und diese Methode war an der Tagesordnung. Im Kino wurden im Vorspann des jeweiligen Hauptfilms Bürger gezeigt, welche ein jüdisches Geschäft betraten, und somit auf diese Weise diffamiert. Unter Berücksichtigung der katastrophalen Folgen muss also mehr als je zuvor geprüft werden, auf welche Rattenfänger ich mich mit einer eventuellen Beteiligung an einer Demonstration einlasse.

Eine weitere Warnung möchte ich noch aussprechen. Selbst wenn man der Auffassung ist, dass unser Integrationsprogramm noch erhebliche Lücken aufweist, so kann oder darf es nicht sein, dass wir Hetzern folgen, die unter anderem die Stimmung mit „Haut ab ihr Kanaken“ oder ähnlichen Parolen vergiften.

Übrigens ist eine Pauschalisierung der Ausländerfeindlichkeit immer eine üble Angelegenheit, denn zugleich werden die erfolgreich Integrierten und gewollt umworbenen Zuwanderer diskreditiert.

Alle Demütigungen dieser Art führten damals dazu, dass im Sinne des Nationalsozialismus die Juden zum Feindbild erklärt wurden. Die mörderischen Auswirkungen brauche ich nicht näher zu beschreiben.

Steigbügelhalter für Scharfmacher

Ich bin davon überzeugt, dass der größere Teil der Mitläufer bei den derzeitigen Veranstaltungen sich solche Auswirkungen nicht herbei wünschen. Zugleich bin ich aber auch davon überzeugt, dass hier die Gedankenlosigkeit dieser Teilnehmer als Steigbügelhalter für die Scharfmacher genutzt wird.

Dass vieles derzeit in unserer Demokratie renovierungsbedürftig ist und auch kritischer gesehen werden muss, da stimme ich zu. Dass unser freiheitlicher und sozialer Rechtsstreit in mancher Beziehung überstrapaziert und schamlos ausgenutzt wird, das ist sicher auch richtig.

Natürlich muss dafür auch das Demonstrationsrecht genutzt werden. Nur: Die Organisatoren der Kundgebungen sollten kritischer betrachtet werden. Wollen diese Verbesserungen im demokratischen Sinne oder Chaos? Oder erdreisten sich Fremde sogar, den Unfrieden ihres Heimatlandes, in Deutschland oder Europa auszutragen beziehungsweise dorthin zu exportieren? Die modernen Kommunikationsmöglichkeiten erleichtern heute alle die Umsetzung dieser Vorhaben.

Vorsichtig sein – mehr denn je

Deshalb sollten wir bei unserer Entscheidung zur Teilnahme an Protestkundgebungen mehr denn je zuvor vorsichtig sein. Wenn wir ohne Überlegung den Hassrednern folgen, dann unterstützen wir – wie wir doch eigentlich wissen sollten – die Gewalt, die leicht in Blut und Tränen ausartet.

Alfred Preußner

Bensheim

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