Bensheim

Im Dialog Bürger sammeln Ideen für mehr Lebensqualität in der Stadt / Problemzonen und Schwachstellen ansprechen sowie Lösungen entwickeln

Wohin geht die Reise in Bensheim?

Archivartikel

Bensheim.In Bensheim lässt es sich gut leben. Dieser Aussage können sicher viele Bürger zustimmen - aber warum sollte aus "gut" nicht "sehr gut" werden? Um Verbesserungspotenziale, Schwachstellen und Problemzonen aufzudecken, trafen sich am Montagabend rund 50 Bensheimer zum Bürgerdialog "Gutes Leben an der Bergstraße". Eingeladen hatten das Institut für Organisationskommunikation (IFOK) und der Bergsträßer Anzeiger.

"Mitdenken, mitreden, mitgestalten", gab Moderator Jacob Birkenhäger von IFOK bei der Begrüßung in der Fahrzeughalle des Autohauses Wiest das Motto des Abends vor. Bei der dritten Veranstaltung des Bürgernetzwerks - zuvor wurde bereits in Kolmbach und Lorsch diskutiert - sollten Menschen ins Gespräch gebracht und Debatten in Gang gesetzt werden. Im Herbst werden die Ergebnisse aller Bürgerforen - es folgen noch Einhausen und Zwingenberg - zusammengebracht.

Die Probleme und Anregungen der Bürger sind auch für das tägliche Geschäft der Zeitungsmacher wichtig. "Der Bergsträßer Anzeiger als die Stimme der Bergstraße muss mehr leisten als Chronistenpflicht", begründete Karl-Heinz Schlitt das Interesse des BA am Bürgernetzwerk. Das Veranstaltungsformat sei ideal, um die "Ohren zu spitzen" und die Anliegen der Bensheimer zu erfahren. Der Publizistische Leiter forderte die Teilnehmer auf, das kleine Experiment zu wagen, und sich aktiv am Brainstorming zu beteiligen.

Kosten-Nutzen-Rechnung im Blick

Fünf verschiedene Themenfelder und Visionen wurden diskutiert. Vielen Aspekten des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens ins Bensheim gaben die engagierten Teilnehmer gute Noten (siehe Infobox). Im Mittelpunkt standen an diesem Abend allerdings die Problemfelder und die Stellschrauben, an denen gedreht werden könnte, um Bensheim noch lebenswerter zu machen. Den Moderatoren von IFOK, die die fünf Runden begleiteten, war bei den Kritikpunkten besonders wichtig, dass nicht nur Forderungen - etwa an die Politik - gestellt wurden, sondern dass die Teilnehmer Ideen entwickelten, die durch bürgerschaftliches Engagement vorangetrieben werden können. "Wo ist die Kosten-Nutzen-Rechnung am größten", lautete eine der Fragen der Moderatoren.

Mittelzentrum und Fachkräfte: In der Runde zum Themenfeld Wirtschaft und Arbeit entwickelte sich rasch eine lebhafte Diskussion. Positiv wurden etwa Gewerbeflächen, Verkehrsanbindung, geografische Lage und Infrastruktur der Stadt Bensheim gewertet - aber es gab auch kritische Stimmen. "Bei den Themen bezahlbarer Wohnraum und S-Bahn-Anschluss ist noch viel Luft nach oben", merkte ein Teilnehmer an. Auch die Entwicklung der Innenstadt (Einkaufen/Gastronomie) müsse unbedingt vorangetrieben werden. Verbesserungspotenzial wurde auch bei der "Marke Bensheim" gesehen - hier sei die Werbung nicht attraktiv genug. Der Austausch mit anderen Kommunen vergleichbarer Größenordnung müsse angeregt werden.

Gesundheit und Umwelt: "Bensheim ist so eine tolle Stadt - und das soll auch so bleiben", lautete das Fazit einer Teilnehmerin. Damit dies gelingen könne, müsse aber der Flächenverbrauch im Auge behalten werden. Nicht immer mehr Gewerbeflächen und Neubaugebiete - "Natur erhalten" müsse die Devise lauten.

Anlage von Bienenweiden, Fassadenbegrünung im Gewerbegebiet und Informationen zur Bepflanzung für Neubürger wurden angeregt. Damit die Verkehrsbelastung nicht weiter steige, sollte man über WhatsApp-Gruppen für Nachbarn, Mitfahrerbänke und Verleihsysteme nachdenken. Sehr negativ wurde die notärztliche Versorgung am Wochenende beurteilt.

Kinder und Familien: Besonders auf den Nägeln brannte den Teilnehmern in dieser Runde das Thema Verkehrssicherheit, hier wurden Radarkontrollen vor Schulen und Kitas gefordert. Auch durch positive Aktionen - wie das Verteilen von Blumen an vorbildliche Autofahrer - könnten Verkehrsteilnehmer sensibilisiert werden. Für Jugendliche gebe es zu wenig Angebote in Bensheim. "Die kommen hier einfach nicht weg, besonders abends", monierte eine Teilnehmerin. Außerdem sei schade, dass das Jugendparlament nicht eingeführt wurde. Ausdrücklich bedauert wurde auch der Wegzug der Spielerei Bergstraße aus Bensheim.

Sicherheit: Zu diesem Themenfeld hatte sich eine kleine, aber sehr engagiert diskutierende Runde zusammengefunden. Als Probleme wurden in diesem Bereich vor allem die relativ hohe Zahl an Einbrüchen, Vandalismus im öffentlichen Raum und Verkehrsunfälle genannt. Schwerpunktmäßig beschäftigte sich die Gruppe mit dem Bahnhofsumfeld, das unter einem schlechten Image leide und oft als Angstraum wahrgenommen werde. Dass der Bahnhof ein beliebter Treffpunkt für Männergruppen sei - seien es Wohnungslose oder auch Menschen mit Migrationshintergrund - löse bei Passanten oft ein mulmiges Gefühl aus. Ein Lösungsansatz der Gruppe war, diese Menschen nicht auszuschließen, sondern vielmehr einen Zugang zu schaffen. "Was man kennt, macht einem keine Angst", so ein Teilnehmer. Integrieren statt verdrängen, müsse deshalb die Botschaft lauten.

Um das Bahnhofsumfeld aufzuwerten und zu beleben, könnte man regelmäßige Events dort veranstalten - Feste oder Konzerte wurden als Beispiele genannt. Ein Wunsch war außerdem, weitere Streetworker im Bereich des Bahnhofs einzusetzen oder einen Bauwagen dort als Anlaufstelle beispielsweise für Wohnungslose aufzustellen, wie man es vom Beauner Platz bereits kennt. Auch Darmstadt könnte ein Vorbild sein: Dort gibt es einen sogenannten sozialen Zaun, an dem Bürger Dinge des täglichen Bedarfs - von Kleidung bis zu Lebensmitteln - für Obdachlose hinterlassen. Der Zaun kann auf diese Weise auch ein Ort der Begegnung werden.

Kultur: Für diesen Themenbereich hatten sich die meisten Teilnehmer entschieden. Viel Lob gab es zunächst für das vielfältige kulturelle Angebot sowohl der Stadt als auch von Vereinen. Als ein Problem wurde der hohe Alkoholkonsum insbesondere von Jugendlichen bei Festen oder etwa der Weinlagenwanderung empfunden. Dadurch gehe das Niveau der Veranstaltungen verloren. Angeregt wurde ein runder Tisch von Stadt und Jugend, bei dem auch die Schulen eingebunden werden sollten.

Für das Haus am Markt wurde die Nutzung als generationenübergreifender Treffpunkt ins Spiel gebracht. Ein Schülercafé ohne Konsumzwang, Räumlichkeiten, um Musik zu machen oder für kulturelle Veranstaltung - all das schwebte der Gruppe vor, die sich dadurch auch erhofft, für eine Belebung des Marktplatzes sorgen zu können.

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