Bensheim

Woche junger Schauspieler Theater Erlangen zeigte Borcherts Drama "Draußen vor der Tür"

Eindringliches Ein-Personen-Stück

Archivartikel

Bensheim."Nicht hinhören - soll das die ganze Antwort sein?" Dieser und vielen weiteren Fragen widmete sich das Theaterstück "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert, das im Rahmen der zum 24. Mal stattfindenden „Woche junger Schauspieler“ im Parktheater Bensheim zur Aufführung kam.

Unter der Regie von Maria Sendlhofer brachte der junge Schauspieler Enrique Fiß die Ein-Mann-Inszenierung mit musikalischer Untermalung durch Niklas Handrich auf die Bühne. Erzählt wurde die Geschichte eines jungen Soldaten, dem nach seiner Heimkehr aus mehrjähriger Kriegsgefangenschaft alle Türen der deutschen Nachkriegsgesellschaft verschlossen bleiben.

Das Stück beginnt mit dem missglückten Versuch des Soldaten Beckmann, sich in der Elbe zu ertränken. Nachdem er als Unteroffizier im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat, kehrt er in seine zerstörte Heimatstadt Hamburg zurück. Die Menschen wollen nichts mehr mit dem Krieg zu tun haben. Sie verschließen nicht nur ihre Augen, sondern auch ihre Türen, um das Geschehene und ihre eigene Schuld, an die der Kriegsheimkehrer sie wieder erinnert, weiter zu verdrängen. Von Schuldgefühlen und Albträumen geplagt, wünscht sich Beckmann, von der gefühlten Verantwortung für die toten Soldaten seiner Einheit befreit zu werden.

Beckmann thematisiert durchgängig seine Opferrolle, spricht aber nicht über die Nationalsozialisten und deren Verbrechen. Das Bühnenbild war passend gewählt und erinnerte durch das aufgebaute Gerüstpodest stark an die Zeit nach dem Krieg, an Zerstörung und Wiederaufbau. In der Mitte der Bühne stand eine Wanne mit Wasser, in der Beckmann zunächst nur seinen Kopf nass machte, im Laufe des Stücks aber sogar komplett hineinstieg.

Das Wasser ist ein immer wiederkehrendes Element: Beckmann versucht sich anfangs zu ertränken, er wird oft als Fisch bezeichnet, da er nach seinem ersten Selbstmordversuch nass und kalt aufgefunden wurde und später quasi „im Regen stehen gelassen“ wird. Es symbolisiert sowohl seine eigene Verletzlichkeit als auch seine Ausgrenzung durch die Gesellschaft. Ebenfalls der Zeit entsprechend trägt Beckmann dunkle und schlichte Kleidung, deren wichtigster Bestandteil ein Mantel war.

Dieser diente als Metapher für die Verantwortung, die Beckmann durch seine Position im Militär auferlegt wurde und die er versuchte loszuwerden. Um dies zu verdeutlichen, legte er den Mantel häufig ab, zog ihn als Symbol des Scheiterns aber kurz darauf immer wieder an.

Die Musik spielte in dem Stück eine große Rolle, denn sie erzeugte eine sehr angespannte Atmosphäre und betonte den gesprochenen Text. Enrique Fiß erwähnte im Nachgespräch, dass die Anwesenheit von Niklas Handrich auf der Bühne eine große Unterstützung für ihn sei. Trotz der Tatsache, dass Fiß der einzige Schauspieler war, führte er keinen klassischen Monolog, denn die in der Inszenierung angewandten technischen Mittel füllten alle unbesetzten Rollen.

Beispielsweise wurde eine Kamera verwendet, die Beckmanns Gesicht abwechselnd aus zwei verschiedenen Perspektiven aufnahm, oder es wurden Fragen auf eine Leinwand projiziert, auf die er dann antwortete. So konnten auch ohne weitere Schauspieler einfache Dialoge simuliert werden. Zusätzlich wurden einige wenige Requisiten verwendet, beispielsweise eine Plane, die Beckmann als Symbol für seine toten Eltern in den Armen hält.

In der Nachbesprechung erzählte Enrique Fiß von seiner durch das Drama ausgelösten persönlichen Betroffenheit: Als er es 2015 zum ersten Mal auf einer Zugfahrt las, kamen ihm die Tränen. Die Geschichte hat ihn nicht mehr losgelassen und so wurde die ursprüngliche Garagenproduktion bald im Theater Erlangen umgesetzt. Für Fiß am faszinierendsten war der Charakter Beckmanns, der von ihm allerdings ganz klar auch als Täter dargestellt wird, da Soldaten nie nur eine Opferrolle einnehmen. Die Inszenierung erhielt viel Zuspruch vom Publikum und wurde mit großem Applaus belohnt.

Annika Giere, Lia Knussmann, Q2, AKG Bensheim

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