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FN-Serie „Heimat“: Die Sebastianusbruderschaft in Werbach geht auf die Pestepidemien im 14. Jahrhundert zurück

Wichtige Tradition der Nächstenliebe

Von unserem Redaktionsmitglied Diana Seufert

Werbach. Altmodisch und verstaubt? Für Außenstehende mag die Sebastianusbruderschaft in Werbach etwas seltsam anmuten. Für die Werbacher ist sie eine Jahrhunderte alte Tradition, die den Ort und die Menschen geprägt haben. Und die aus dem kirchlichen Leben nicht mehr wegzudenken ist.

"Wir sind schon etwas Besonderes", lächelt Andreas Michel. Er ist seit Montagabend der neue Brudermeister der Sebastianusbruderschaft und damit der Mann an der Spitze. Die Werke der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe sind für ihn und seine Mitbrüder wichtig. Sie pflegen eine Tradition, wie sie sonst in der Region nicht mehr zu finden ist: Seit mehr als 350 Jahren besteht die Sebastianusbruderschaft. Am Sonntag wurde in einer großen Prozession nach dem Festgottesdienst der Jahrestag des Heiligen begannen.

Die Anfänge der Bruderschaft liegen wohl schon im 14. Jahrhundert. Zwischen 1348 und 1374 wurde die Region von großen Pestepidemien heimgesucht, die auch Werbach nicht verschonten. Damals sollen in dem Tauberörtchen nur von sieben Familien Angehörige überlebt haben, andere Quellen sprechen von neun Männern. Kein Schreiner konnte mehr Särge zimmern, niemand hat die vielen Toten beerdigt. Die Überlebenden haben dann gelobt, eine Bruderschaft zu gründen, die Pestkranken zu pflegen und die Toten zu beerdigen. Der Tod soll dann die letzten Werbacher verschont haben, erzählen die Brüder.

Erstes Schriftzeugnis

Die ersten schriftlichen Zeugnisse der Bruderschaft stammen aus der Zeit um das Jahr 1450, wie Thomas Hörner erzählt, der 1998 Brudermeister war. "In den Stammbüchern werden die Feste beschrieben, die auch heute von der Bruderschaft begangen werden." Aufzeichnungen in verschiedenen Standesbüchern, Tauf- und Zinsbüchern beweisen zudem, dass die Bruderschaft schon mindestens 200 Jahre vor Beginn der schriftlichen Zeugnisse bestanden haben muss.

Eine ganz "normale Pfarrgemeinde" war Werbach wohl nie, wie auch Diakon Günther Holzhauer und Wolfgang Spinner von der Bruderschaft vermuten. Denn die Pfarrei wurde im ausgehenden Mittelalter von einem Dekan und einem Kaplan geleitet.

Zwei Bruderschaften

Und man hatte auch zwei Bruderschaften, entsprechend der beiden Kirchenaltäre. Eine benannt nach dem heiligen Urbanus, die nicht mehr existiert, und eine weitere nach dem heiligen Sebastianus. Dieser Pestheilige wurde im Mittelalter stark verehrt.

Über die Gründung der Bruderschaft gibt das Bruderschaftsbuch, das sogar vor 1631 begonnen worden ist, keine Auskünfte. Als erste Stiftung ist dort zu lesen: "25 Gulden hat Weiland Georg Spies selig, zur Erhaltung der löblichen Bruderschaft anno 1626 legiert."

Der Stiftungsbrief der Bruderschaft mit der Satzung stammt vom 10. November 1661, ausgestellt vom Mainzer Erzbischof Johann Philipp. Er ist noch heute im Besitz der Brüder. Zusammen mit den alten Chroniken hat der Brudermeister über die schriftlichen Zeugnisse der Gemeinschaft zu wachen. "Ich werde in den nächsten Wochen aber auch den einen oder anderen Blick in die Bücher werfen", ist Andreas Michel schon sehr gespannt, mehr über die Bruderschaft erfahren zu können.

Große Ehre

Die Mitgliedschaft in der Bruderschaft ist für die Werbacher weniger Last als vielmehr eine große Ehre. Und Andreas Michel sieht gerade in der heutigen Zeit eine große Bedeutung im Fortbestand der mehr als 350-jährigen Tradition. An den 1661 im Stiftungsbrief festgeschriebenen Ritualen hält die Gemeinschaft der Werbacher Männer auch im 21. Jahrhundert strikt fest, nur einige Punkte wurden mittlerweile behutsam modernisiert. Etwa, dass bei schwierigen Fragen alle Brüder zur Diskussion gebeten werden. Früher lag die Entscheidungsbefugnis nur bei einigen Wenigen. Und mittlerweile dürfen auch zugezogene Werbacher Mitglied werden.

Was bewegt junge Männer, der Gemeinschaft beizutreten? Andreas Michel nennt gleich mehrere Gründe. Für ihn ist die gelebte Tradition wichtig, da bereits sein Vater und sein Großvater in der Bruderschaft Mitglied waren. Und dann gibt es noch die religiösen Gründe. "Der Heilige Sebastian ist ein großes Vorbild im Glauben. Manchmal muss man auch in der heutigen Zeit stark sein, um seinen Glauben zu zeigen und für seine Überzeugungen einzustehen." Und eine Form dieses Glaubens sei eben die Nächstenliebe, die bei den Brüdern im Vordergrund steht.

Gerade bei einem Todesfall sei die Hilfe der Bruderschaft, die Sargträger zu organisieren, für die Angehörigen eine große Erleichterung und eine wichtige Unterstützung in schwierigen Zeiten. Daneben spende die Bruderschaft jährlich für soziale Projekte. In diesem Jahr gingen Gelder an die Kongo-Hilfe sowie ein Hospizprojekt.

Daneben schätzen die Werbacher die Bruderschaft auch wegen ihrer Arbeit in der Gemeinde. Schließlich engagieren sich die Brüder nicht nur bei Festen und organisieren Vorträge, sondern nehmen auch am örtlichen Fußballturnier oder dem Turnier des Tennisclubs teil. "Die tolle Gemeinschaft ist uns auch sehr wichtig", sagt der neue Brudermeister.

Das Fazit der Sebastianusbrüder: Verstaubt oder unmodern ist die Gemeinschaft nicht, im Gegenteil. "Die Bruderschaft hat eine wichtige Aufgabe, ist ein Bindeglied zwischen Tradition und Moderne. Es ist schön, dass es so etwas noch gibt", sagen die Mitglieder voller Überzeugung. Und sie würden den Schritt in die Bruderschaft sofort wieder machen.

© Fränkische Nachrichten, Mittwoch, 25.01.2012

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