Dieter Schwab
Dieses Babykopfdesign, diese Kulleraugenscheinwerfer - man muss den kleinen Wonneproppen, den Fiat 500, einfach liebhaben. Man(n) muss? Liebhaben, ja. Aber das Fahren überlässt man eher den Frauen. Zu denen passt der Cinquecento so perfekt wie ein paar Prada-Schuhe oder eine Handtasche von Dolce&Gabbana: teuer, aber unglaublich kleidsam. Doch die ganze Philosophie ist nichts mehr wert, wenn der Skorpion zusticht. Das gefährliche Insekt ist das Markenzeichen von Fiat-Haustuner Abarth. Die Spezialisten befeuern den Kleinwagen mit einem 160 PS starken Vierzylinder-Turbo und lassen ihn vom Frauenschwarm zur Macholiebe mutieren.
Schon beim Nuovo 500, der bis 1974 gebaut wurde und als "Ur-500" Formengeber des aktuellen Kleinwagens aus Turin war, legte Abarth erfolgreich Hand an. Seine 500er, fahrwerks- und leistungsoptimiert, lehrten der Klassen-Konkurrenz bei Berg- und Slalomrennen in den 60er Jahren das Fürchten.
Die Stärken, die den Kleinen damals groß machten, stehen auch heute im Vordergrund. Nur bei der Wahl der Mittel geht die Fiat-Abteilung Abarth mit deutlich größerem Aufwand an die Sache heran. Kurzer Radstand, praktisch keine Karosserieüberhänge, vergleichsweise geringes Gewicht und tiefer Schwerpunkt sind ideale Voraussetzungen, um aus dem sonst eher braven 500er ein Kurvenwunder zu machen.
Der Abarth 500 klebt wie Pattex an der Straße, wenn man versucht, die Grenzen der Physik auszuloten. Die Lenkung ist sehr direkt und verliert in der Einstellung "Sport" dieses schwammige Servogefühl, das sich leider in den meisten Fahrzeugen breitgemacht hat. Stattdessen meint man, nicht am Lenkrad, sondern direkt an den Vorderrädern zu drehen, wenn man den nächsten Richtungswechsel einleitet. Gedankenschnell setzt der Abarth die neuen Vorgaben um, giert bereits am Scheitelpunkt der Kurve danach, die nächste Biegung anvisieren zu können. Er lässt sich mit leichtem Lupfen des Gaspedals mühelos aus dem leicht untersteuernden in ein agil übersteuerndes Fahrverhalten zwingen.
Das alles geschieht so spielerisch einfach und vom Erfolg solch hoher Kurvengeschwindigkeiten gekrönt, dass man sich bald als integraler Bestandteil des technischen Systems und weniger als Passagier begreift. Vor allem dann, wenn man den besonders giftigen Biss des Skorpions spürt, dem Abarth den Beinamen "Esse Esse" gibt. Denn dann bekommt man - wie beim Testwagen - auf die 135 PS des bereits gut gefütterten "normalen" Abarth noch einmal 25 PS Nachschlag und ein fein überarbeitetes Fahrwerk mit kürzeren Federn (Tieferlegung um 15 mm) und 205er Niederquerschnittsreifen auf 17-Zoll-Felgen.
Der so beflügelte Cinquecento spurtet in nur 7,4 Sekunden auf 100 km/h und verwöhnt mit einem Drehmoment von satten 230 Nm. Die Hauptkraft wurde in schnelle Beschleunigung investiert. Die Höchstgeschwindigkeit wirkt dagegen vergleichsweise bescheiden. Bei 211 km/h ist endgültig Schluss, doch bis 200 km/h bleibt der Vortrieb gewaltig. Erst am Ende der Skala fordert der relativ lang übersetzte fünfte Gang seinen Tribut. Bei solchen Autobahngeschwindigkeiten muss man das griffige Sportlenkrad fest in der Hand halten. Denn hier ist der kurze Radstand - anders als in den Kurven - kein wirklicher Vorteil. Das gilt auch für den Fahrkomfort. Der Abarth ist hart und lässt alles, was Federn und Dämpfer in Bewegung setzt, auch zu den Insassen durchdringen.
Aber wer würde von einem solchen Auto schon ein sänftenartiges Abrollverhalten erwarten. Anders sieht das beim Getriebe aus. Hier wünscht man sich eine feinere Abstufung, die ein sechster Gang ermöglichen würde. Doch weil Fiat da nichts Passendes im Angebot hat, was der Kraft des Turbos gewachsen wäre, muss man sich mit einem Fünfgang-Getriebe begnügen.
Wer sich diesen flotten Flitzer gönnen will, muss tief in die Tasche greifen. Der Grundpreis für die 135 PS starke Abarth-Basis beträgt bereits 18 100 Euro. Das "Esse Esse"-Kit mit 25 PS mehr und überarbeitetem Fahrwerk lässt sich Fiat mit weiteren 2585 Euro vergüten. Das hebt den Kleinwagen - ohne weitere Extras - locker über die 20 000-Euro-Grenze. Wenigstens deckt diese Investition viele Sonderpositionen ab, für die normalerweise Aufpreis verlangt wird. Dazu zählen unter anderem auch ein Sperrdifferential, ein zweiflutiger Sportauspuff, Sportsitze oder die Bluetooth-Freisprecheinrichtung. Das Navigationssystem kostet nur 400 Euro Aufpreis.
Beim Verbrauch darf man dann wieder sparsam sein. Es klingt etwas unrealistisch, aber tatsächlich muss man kein "Gaspedalstreichler" sein, um den 160 PS starken 500er mit einem Verbrauch von weniger als 7,5 Litern zu bewegen.
Wer mit dem Verkehr mitschwimmt, kann unter sieben Liter kommen. Im Test pendelte sich der Durst auf 7,8 Liter ein.
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