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Fußball: Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann tickt anders als viele seiner Berufskollegen / Das Ausland reizt ihn, kurze Bewertungszeiträume nerven

„Lebensglück hängt nicht vom Job ab“

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Berger

TSG-Coach Julian Nagelsmann plädiert für die Einführung von Auszeiten und Zeitstrafen im Profi-Fußball.

© dpa

Zuzenhausen. Julian Nagelsmann gönnte sich auch im Urlaub keine Auszeit. Während die Familie des Hoffenheimer Bundesliga-Trainers mit Fieber im Bett lag, sichtete der 29-Jährige Videos der nächsten Gegner. "Mein Akku ist voll", betont Nagelsmann mit Blick auf die gerade angelaufene Wintervorbereitung des Tabellenfünften. Im Interview gibt er interessante Einblicke in seine Denkweise.

Herr Nagelsmann, Sie sind ein Trainer, der das Risiko liebt. Warum verkünden Sie für 2017 nicht die Europapokal-Teilnahme als Ziel?

Julian Nagelsmann: Ziele rausposaunen kann jeder. Das hat nichts mit Mut zu tun. Ziele sind das Ergebnis von dem, was du leistest oder nicht. Mutige Trainer zeichnen sich nicht dadurch aus, mutige Ziele zu stecken, sondern dadurch, ihr Team mutig spielen zu lassen. Am 34. Spieltag werde ich mich äußern.

Julian Nagelsmann

Julian Nagelsmann wurde am 23. Juli 1987 in Landsberg am Lech geboren.

Nach einer schweren Knieverletzung musste er bereits im Alter von 20 Jahren seine Spielerkarriere beenden.

Der mit 29 Jahren jüngste Bundesliga-Coach trainiert die TSG Hoffenheim seit dem 12. Februar 2016.

In den bisherigen 16 Liga-Spielen blieben die Kraichgauer ungeschlagen und überwintern auf dem fünften Tabellenplatz.

Es gibt mittlerweile Interview-Anfragen aus aller Welt . . . 

Nagelsmann: Das ist für mich keine überraschende Entwicklung. Ich finde es relativ normal, wenn man so jung in der Bundesliga Trainer ist und nun sind wir ja auch recht erfolgreich unterwegs. Ich würde als Journalist auch anfragen.

Träumen Sie vom Ausland?

Nagelsmann: Das ist schon reizvoll. Aber ich habe mir keinen Lebensplan geschrieben, auf dem das ganz oben steht und der scheitert, wenn es anders kommt.

Jürgen Klopp macht viel Werbung. Wäre das auch etwas für Sie?

Nagelsmann: Es gibt Interessenten, aber keine konkreten Verhandlungen. Ich weiß noch nicht, in wie weit ich das machen möchte. Das Produkt muss passen. Ich bin so jung, dass ich nicht alle Menschen als Zielgruppe erreiche.

Als Trainer sind Sie eine öffentliche Person. Würden Sie sich wie Ihr Trainerkollege Christian Streich auch politisch positionieren?

Nagelsmann: Ich finde die Aussagen von Christian Streich sehr gut, bin selbst aber jemand, der sich da öffentlich eher zurückhält. Ich habe natürlich meine Grundwerte, maße mir jedoch nicht an, grundsätzlich über politische Dinge zu sprechen. Das ist nicht mein Fachgebiet.

Welche Werte sind das?

Nagelsmann: Die Freude am Leben bedeutet mir sehr viel. Ich finde es sehr traurig, was Menschen aus dieser Welt machen. Territorialkämpfe und die nicht enden wollende Gier nach mehr machen viel kaputt. Man sollte immer mal wieder in sich gehen und schauen, ob man zufrieden ist.

Sehen Sie sich als Vorbild?

Nagelsmann: Ich spreche nie das Wort Vorbild aus. Vorleben ist besser. Nur davon reden, bringt wenig. Spieler schauen Dir zu - lernen am Modell. Wenn Du Werte vorlebst, ahmen Spieler das nach.

Die TSG will ein innovativer Klub sein. Wie gehen Sie mit Programmen zur Datenerfassung im Profi-Fußball um?

Nagelsmann: Momentan sind die Athletik-Daten noch bestimmend, es müssen künftig noch mehr taktische Daten dazukommen. Das ist ein großer Entwicklungsschritt, den wir angehen müssen. Wir sollten die Gedächtnisleistungen der Spieler trainieren, das fördert die Handlungsschnelligkeit. In diesem Bereich gibt es viel Entwicklungsspielraum. Physiologisch ist vieles ausgereizt. In der Rübe ist noch so viel Kapazität bei jedem, die noch nicht genutzt ist. Da kannst Du viele Dinge noch freischalten.

Welche Regel-Änderungen würden Sie vornehmen, wenn Sie Fifa-Chef wären?

Nagelsmann: Ich würde eine Auszeit pro Halbzeit für jeden Trainer einführen. In diesem Bereich sind uns andere Sportarten voraus. Das Hawk-Eye im Tennis ist gut, Trainer müssten in die Pflicht genommen werden, nicht die Schiedsrichter. Wenn man zwei mal pro Spiel die Chance hat, etwas zu überprüfen, bewertet man Situationen weniger emotional. Wenn man falsch liegt, bekommt man eine Gelegenheit abgezogen. Außerdem muss es eine Zeitstrafe im Fußball geben. Bei einem taktischen Foul, das keine Rote Karte nach sich zieht, muss der Spieler fünf Minuten zuschauen. Das wäre gut, um den Fairnessgedanken hochzuhalten. Mehr Wechsel fände ich ebenfalls gut. Das würde Trainern mehr Einflussmöglichkeiten geben.

Sie haben im Sommer sehr gute Transfers getätigt . . .

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