Dieter Schwab
Wer ein Auto nicht als Pendlerbus im Kleinformat begreift, wer die Verbindung zwischen A und B nicht allein in Kilometern misst und wer die Lust am Fahren auf ver- und gestopften Straßen noch nicht völlig verloren hat, wird sich beim Fahrzeugkauf möglicherweise auch von Emotionen leiten lassen. Und die könnten ihn zum Seat-Händler führen, wo der Leon Cupra als sportliche Alternative zum Mainstream in der Kompaktklasse angeboten wird.
Weil der erste Eindruck oft entscheidend ist, kommt der Optik eine wichtige Bedeutung zu. Hier profitiert die spanische VW-Tochter noch davon, dass Star-Designer Walter da Silva einmal bei ihr an den Zeichenbrettern das Sagen hatte. Der Leon ist stilistisch eine Evolution des Silva-Entwurfs Altea und profitiert wie dieser von seinen stimmig fließenden Linien.
Sie wirken, als ob man die Luftströme, die den Wagen bei schneller Fahrt umspielen, sichtbar gemacht hätte. Die markant hervorgehobene, spitz nach vorne zulaufende Motorhaube und die abfallende Falte auf den Flanken sind markante Details der coupéartig nach hinten gezogenen Fließheckfigur. Verbreiterte Kotflügel und eine Frontschürze mit mächtigen Kühllufteinlässen verwandeln den Leon in den tief auf der Straße kauernden Cupra.
Man nimmt in knapp geschnittenen Schalensitzen Platz, packt das griffige Sportlenkrad und freut sich auf kommende Aktivitäten, sobald der zwei Liter große Vierzylinder zum Leben erwacht. 240 PS Leistung haben mit dem 1375 Kilogramm schweren Wagen leichtes Spiel. Sie schieben den Cupra vehement an, wobei ab 3500 U/min der zusätzliche Druck des Turboladers mit Ladeluftkühlung spürbar wird. Bis die Nennleistung bei 5700 U/min erreicht ist, wird man in die Sessel gedrückt. Der Schalthebel des knackigen Sechsganggetriebes flutscht durch die Kulisse und ehe man auf sieben gezählt hat, ist die Tachonadel schon an der 100er Marke vorbei. Nur 6,4 Sekunden vergehen für den Standardsprint. Bis zu einer Geschwindigkeit von 210 km/h reißt der Druck nicht ab. Danach braucht es etwas Geduld, ehe die versprochenen 247 km/h erreicht sind.
Aber wenn es stur geradeaus geht, macht das Cupra-Fahren nur halb so viel Spaß. Seine sportlichen Qualitäten entfaltet er mit seinem straffen, aber sensibel abgestimmten Fahrwerk erst, wenn man ihn durchs Kurvengeschlängel bewegt. Bei der forschen Fahrt lässt er sich mit seiner elektromechanischen Servolenkung spielerisch leicht, aber doch zielgenau dirigieren. Den Schwächen eines Frontantriebs zum Trotz ignoriert der Seat jeden Hang zum Untersteuern. Den haben ihm seine Konstrukteure mit einem elektronischen Sperrdifferential gründlich ausgetrieben.
Beim sogenannten Fahrdynamik-System XDS handelt es sich im Grunde um eine Erweiterung des ESP und der Traktionskontrolle. Stellt XDS fest, dass das kurveninnere Antriebsrad bei schneller Fahrt Traktion verliert, wird dieses gezielt abgebremst. Dadurch werden Einlenkverhalten verbessert und Kraftschluss aufrecht erhalten.
Was sich in der Theorie etwas knöchern anhört, hat in der Praxis eine hohe Fahrdynamik zur Folge. Der Cupra durcheilt Biegungen wieselflink und ohne über rubbelnde Räder Leistung zu verschwenden. Nicht einmal schlechte Straßen können diese Harmonie nachhaltig stören. Der sportliche Spanier ist zwar keine Sänfte, aber er bietet einen trotz seiner knackig harten Federn und Dämpfer erstaunlichen Komfort, der vor allem bei schneller Fahrt sogar noch an Qualität gewinnt.
Der Cupra fühlt sich nicht nur in seinem eigentlichen Element pudelwohl. Er beherrscht auch die sanfte Spielart des Vorwärtskommens. Der Vierzylinder erreicht dank Direkteinspritzung sein maximales Drehmoment von 300 Nm nämlich schon bei vergleichsweise bescheidenen 2200 U/min. So lässt es sich entspannt mit dem Verkehr mitschwimmen. Meistens ist man im höchsten Gang unterwegs, was den durchaus nicht unrealistischen Normverbrauchswert von 8,1 Litern erklärt. Die 9,7 Liter im Testdurchschnitt sind für die abgeforderte Leistung angemessen.
Der Leon Cupra wird damit sicher nicht zur ersten Wahl für eher biedere Fahrernaturen, aber auch ihnen würden seine praktischen Qualitäten gefallen. Denn unter der Designerhülle steckt im Grunde ein VW Golf und dessen ausgefeilte Technik. Auch bei Platzangebot und Ausstattung kann der Cupra mit dem großen Vorbild mithalten. Wo es noch etwas mangelt, ist das Finish im Innenraum. Dort gibt es auf der einen Seite wirklich pfiffig und hochwertig gestaltete Kunststoffflächen in der Optik von gehämmertem Metall, auf der anderen aber auch lieblos eingesetztes Hartplastik. Immerhin ist das als Baustein für den vergleichsweise günstigen Preis von 23 689 Euro erklärbar. Volkswagen verlangt für den Golf GTI fast 3000 Euro mehr.
Leser-Kommentare
Aufgrund von nicht freigegebenen Kommentaren kann die Anzahl dargestellter Kommentare abweichen