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Lesung im Kulturforum „Vis-à-vis“ in Buchen: Stefan Müller-Ruppert und Gerlinde Trunk trugen Erinnerungen von Alfred Schwerin vor

Schikanen des Alltags in Dachau belegt

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 16.08.2011

Von unserer Mitarbeiterin Simone Schölch

Buchen. Um die Jahrhundertwende kam der katholische Erzbischof Thomas Nörber zu Besuch nach Buchen. Der damalige jüdische Religionslehrer und Vater Alfred Schwerins schmückte ganz selbstverständlich den Hof der Synagoge zu Ehren des hohen Gastes.

Als Schwerin starb, nahm der katholische Stadtpfarrer in vollem Ornat an der Beisetzung teil - Beispiele für das von gegenseitiger Achtung und Toleranz geprägte Miteinander von Christen und Juden in dieser Zeit.

In dieser Atmosphäre ist der 1892 in Buchen geborene Alfred Schwerin groß geworden; ab der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aber kam die Wende. Schwerin, der zu dieser Zeit in Pirmasens ein Geschäft betrieb, war ein genauer Beobachter und Chronist. Aus seinen Erinnerungen zitierten Gerlinde Trunk und Stefan Müller-Ruppert.

Die erfreulich gut besuchte Veranstaltung fand im Rahmen der noch bis 20. August laufenden Ausstellung "Namen statt Nummern - Biographien aus dem Gedächtnisbuch des KZ Dachau" im Kunstforum vis-à-vis statt.

"Wir fühlten das Unwetter, das sich über unseren Köpfen zusammenzog", schreibt Schwerin in Erinnerung an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, die den Übergang der bisherigen Diskriminierungen der Juden in Deutschland auf deren systematische Verfolgung markierte.

Fünf Wochen interniert

Der Bruder des Malers Ludwig Schwerin war mit vielen anderen jüdischen Männern aus Pirmasens ohne Vorankündigung von seiner mutterlosen elfjährigen Tochter Ellen getrennt, nach Frankreich abgeschoben, von dort zurückgeschickt und schließlich unter dem Gejohle des Pöbels - eine SA-Kapelle spielte am Bahnhof in Pirmasens im Wechsel "lustige Weisen" und Karfreitagslieder - nach Dachau verschickt worden.

Im dortigen, gnadenlos überfüllten Konzentrationslager wurde er für fünf lange Wochen interniert, bevor er nach Hause entlassen wurde, seinen Geschäften aber freilich nicht mehr nachgehen durfte.

Ellen konnte er mit einem Kindertransport nach Frankreich schicken, ihm selbst gelang später die Flucht in die Schweiz, von wo er gemeinsam mit seiner Tochter nach Amerika auswandern konnte.

Damit ist er dem fast sicheren Tod entgangen: die in Pirmasens verbliebenen Juden wurden beinahe ausnahmslos über das südfranzösische Lager Gurs nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager im Osten geschickt.

Sehr detailliert beschreibt Schwerin den Alltag in Dachau. Die menschenverachtenden und sadistischen Schikanen des Lagerpersonals, die Quälerei bei stunden- und tagelangen Exerzierübungen in viel zu dünner Kleidung im kalten und nassen Winter; die drangvolle Enge in den "Stuben" und die Not in den viel zu kleinen Waschräumen mit den völlig unzureichenden Toilettenanlagen. Er beschreibt, wie das Lagerkommando raffiniert jede Möglichkeit nutzte, an das Geld der Insassen zu kommen, die die Angehörigen auf standardisierten Postkarten um finanzielle Unterstützung bitten mussten.

Kranke und alte Internierte, auf deren Schwäche keinerlei Rücksicht genommen wurde, überlebten den unmenschlichen Drill oft nicht: "Nie mehr hörte ich ein derart viehisches Gebrüll, das nichts Menschliches mehr an sich hatte."

Systematisch ermordet wurde zu dieser Zeit noch niemand. Dennoch ertrugen viele, bis dato angesehene jüdische Bürger die Erniedrigungen nicht und nahmen sich das Leben, indem sie beispielsweise in selbstmörderischer Absicht auf die Zäune und damit in den Kugelhagel des Wachpersonals liefen.

"Ich behielt meinen Humor"

Schwerin selbst, im Ersten Weltkrieg mehrfach verwundet, blieb stark: "Nichts konnte mich unterkriegen. Ich behielt meinen Humor und meine Zuversicht.

Nur das Bild meiner Tochter musste ich in dieser Zeit ganz und gar auslöschen. Denn der Gedanke an mein mutterloses Kind hätte mich umgeworfen."

Ab und an blitzte auch ein Funken Menschlichkeit auf, den Schwerin im Lagerleben beschreibt: "Es gab auch Situationen im menschlichen Miteinander, in denen wir nicht minder lachten, als wir es in Freiheit getan hätten."

Ein tröstlicher Gedanke, nicht mehr - denn dass viele, die damals noch einmal nach Hause zurückkehren durften, wenig später mit ihren ganzen Familien brutal ermordet werden würden, das wusste Schwerin, als er die Erinnerungen niederschrieb.

Und das wussten die Zuhörer, die betroffen Gerlinde Trunk und Stefan Müller-Ruppert zuhörten. "Wehret den Anfängen", war dann auch der einzige Kommentar eines Gastes am Ende der hörenswerten Lesung.

© Fränkische Nachrichten, Dienstag, 16.08.2011
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