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Von unserem Redaktionsmitglied Diana Seufert
Das Manuskript liegt neben der Computertastatur. Geschickt suchen sich die Finger auf dem Tastenfeld die richtigen Buchstaben. Mit Lettern und Typografie kennen sich Josef Eberhard und Erich Klein aus der technischen Abteilung der Fränkischen Nachrichten bestens aus. Schließlich sind die beiden gelernte Schriftsetzer. Doch ihr Beruf, den beide in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einer dreijährigen Ausbildung erlernt und mit einer Gesellenprüfung abgeschlossen haben, existiert schon lange nicht mehr. Die moderne Technik hat wie in vielen Bereichen auch hier erfolgreich Einzug gehalten und ein ganzes Berufsbild ausgelöscht.
Tradition und Moderne gehören seit jeher bei den Buchdruckern zum Alltag. Als Johannes Gutenberg um 1445 bewegliche und wiederverwendbare Lettern zum Drucken nutzte, revolutionierte er das ganze Gewerbe. Die Vervielfältigung von Schriften war für die Vertreter der Schwarzen Kunst, wie die Branche bald bezeichnet wurde, somit fast ein Kinderspiel. Und als Ottmar Mergenthaler 1884 die erste Bleisetzmaschine erfand, brach ein weiteres epochales Ereignis auf die Schwarzkünstler ein. Der Uhrmacher aus Hachtel, dem Bad Mergentheimer Stadtteil, sorgte dafür, dass die Buchstaben als ganze Bleizeile gegossen wurden.
Die Vertreter der Schwarzen Kunst sind überhaupt ein besonderes Völkchen. Sie haben ihre eigene Sprache. Die Schriftgröße wird nicht in Millimeter gemessen, sondern in Cicero und Punkt. Schusterjungen (alleinstehende Zeile eines Absatzes am Ende der Spalte), Hurenkinder (alleinstehende letzte Zeile eines Absatzes am Beginn einer Spalte) und Jungfern (fehlerlos gesetzte Seite) prägen ihren Alltag, ebenso Hochzeit (doppelt gesetzte Worte oder Satzteile) und Leichen (fehlende Wörter oder Satzteile).
Der alte Holzsetzkasten mit den 125 kleinen Fächern für Buchstaben, Zahlen, Sonderzeichen und den Wortzwischenräumen war das tägliche Brot der Handsetzer, auch von Klein und Eberhard während der Lehrzeit. Mit flinken Fingern wurden die einzelnen Lettern aus dem Kästchen genommen und seitenverkehrt in den so genannten Winkelhaken gesetzt. Aus den fertigen Zeilen wurden ganze Artikel, die schließlich nach und nach zu einer ganzen Zeitungsseite umbrochen wurden. Mit Stegen wurden die einzelnen Zeilen zusammengehalten, mit einem Schiff die komplette Zeitungsseite oder das Druckerzeugnis. Von dieser Seite wurde in der Maternpresse mit Hilfe einer Pappe ein Abdruck erstellt, die so genannte Mater. Mit flüssigem Blei ausgegossen, entstand so eine Rundgussform, die auf den Druckzylinder der Rotationsmaschine gespannt wurde. Der Drucker erledigte den Rest.
"Schwarze Finger hatten wir immer", erzählt Josef Eberhard beim Blick auf den gefüllten Setzkasten. Er erinnert sich: "Wenn man beim Setzen der Zeilen nicht aufgepasst hat, sind alle Buchstaben heruntergefallen und man musste von vorne beginnen. Schließlich hatte man teilweise bis zu 400 Zeichen in der Hand." Und am nächsten Tag musste man die wiederverwendbaren Teile wieder in den Setzkasten sortieren, während die an der Setzmaschine hergestellten Zeilen wieder eingeschmolzen wurden. Erich Klein schmunzelt: "Ja, eine ruhige Hand war nötig." Bereits sein Vater war Schriftsetzer bei den Fränkischen Nachrichten, und so war für ihn schon als kleiner Junge der Berufswunsch klar. 1964 fing er seine Lehre an, mit einem Monatslohn von 88 Mark.
Das lebenslange Lernen begann. Denn er sollte in den folgenden 40 Jahren gleich mehrfach sein Berufsbild ändern. Der alten Zeit trauern beide aber nicht nach. Denn Blei und Farbdämpfe waren gesundheitsschädlich und das Risiko einer Bleivergiftung durch den täglichen Umgang mit dem Material hoch. Ob die Milch als Vorbeugung wirklich geholfen hat?
Die zeitaufwändige Arbeit wurde bereits durch die Setzmaschine erleichtert. Mittels einer Tastatur, ähnlich der einer Schreibmaschine, wurden Matrizen angefahren und zu Zeilen zusammengestellt. War die Zeile fertig, wurde die Matrize mit Blei ausgegossen. "Das war zwar schon eine große Hilfe, aber schmutzige Finger gehörten immer noch zum Alltag." Überschriften für die Zeitungsartikel und Rahmen an den Anzeigen wurden aber weiterhin mit der Hand gesetzt. Die Mitarbeiter spezialisierten sich also in Handsetzer und Maschinensetzer.
Anfang der 70er Jahre folgten als Weiterentwicklung die Lochbandmaschinen. Vieles lief automatisch ab. Von Texterfasserinnen und Schriftsetzern wurden an so genannten Perforatoren die Satz-Grundträger erstellt. Um fehlerfreien Satz zu erstellen, war absolute Genauigkeit und Kenntnis der "Lochband-Sprache" notwendig. Mit der lochbandgesteuerten Setzmaschine habe das Aussterben des Berufsbildes des Schriftsetzers damals eigentlich schon begonnen, findet Eberhard. Aber mit jeder Modernisierung seien die Gestaltungsmöglichkeiten verbessert und die Geschwindigkeit des Arbeitens gesteigert worden.
Bis das offizielle Ende des Berufs per Verordnung 1998 besiegelt wurde, dauerte es aber noch einige Jahre. Dazwischen sorgte Mitte der 70er Jahre die Umstellung auf den Fotosatz für einen entscheidenden Einschnitt. Nun konnten die Bleilettern in der Schublade bleiben. Stattdessen wurde mit Licht- und Computertechnik und reichlich Chemie gearbeitet. Die einzelnen Buchstaben wurden, gesteuert durch die Tastatur, durch einen Schriftbildträger auf einen hochempfindlichen Film geblitzt und anschließend entwickelt. Fotopapier übernahm die Aufgabe der Bleibuchstaben. Artikel oder Anzeigen wurden von einer Belichtungsanlage ausgespuckt und am Montiertisch vom Metteur per Klebeumbruch für eine Zeitungsseite umbrochen.
Damit begann auch bei den FN die Arbeit am Bildschirm. Die Weichen für dieses neue Zeitalter wurden bis 1982 gestellt: Parallel mit dem Um- und Anbau am Frankoniahaus fand auch die Umstellung auf den Fotosatz statt. Der Geruch von Blei und Druckerschwärze war aus der Druckvorstufe für Zeitung und Akzidenz verbannt worden.
Doch die technischen Entwicklungen gingen weiter. Der letzte große Einschnitt war Anfang des dritten Jahrtausends zu verzeichnen. Mehr als 500 Jahre nach Gutenberg werden die Anzeigen- und Zeitungsseiten komplett am Bildschirm gestaltet und per Knopfdruck an die Druckerei nach Mannheim geschickt. Metteure und Schriftsetzer sind ausgestorben. Stattdessen haben Mediengestalter das Feld übernommen, um am Computer digital ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.
Eines hat sich trotz der rasanten Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten nicht verändert: Der Schriftsetzer damals und der Mediengestalter heute muss sich nicht nur mit den verschiedenen Schriften und der Sprache auskennen, sondern vielmehr auch ein Meister der Gestaltung, der Typografie sein: Die Anzeige musste damals wie heute erst im Kopf stehen, bevor sie technisch gestaltet wurde. Die typografischen Regeln stehen bei der Arbeit aber stets im Mittelpunkt.
Fränkische Nachrichten
30. September 2008
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