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Von unserem Redaktionsmitglied Timo Lechner
Wertheim und der Main - zwei Freunde fürs Leben, zumindest während der hochwasserfreien Zeit. Und diese Freundschaft wird immer intensiver. Spätestens, seit zahlreiche Reiseveranstalter die Main-Tauber-Stadt als geeigneten Anlaufort zu Wasser entdeckt haben. Die Touristen strömen geradezu per Schiff nach Wertheim, die Nachfrage steigt seit Jahren. Das bedeutet neue Herausforderungen für die Anbieter von Schiffsreisen - und auch für die Fremdenverkehrsgesellschaft (FVG) "Romantisches Wertheim". Mit deren Geschäftsführerin Kathleen Nitschel haben sich die FN über den Trend unterhalten.
Ein Blick auf die Zahlen lässt Nitschel strahlen: Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Zahl der Anlegevorgänge von großen Kreuzfahrtschiffen verdreifacht. "Und der Trend hält an. Wir haben im laufenden Jahr bereits 336 gemeldete Schiffe, ein neuer Rekord", freut sich Kathleen Nitschel.
Begonnen hat alles im Jahr 1996, als das erste größere Schiff während seiner Tour auf dem Main mit Touristen in Wertheim vor Anker ging. 59 solcher "Flusskreuzer" waren es damals. Im Jahr drauf schon 87. Und bis heute konnten die Anlegevorgänge der großen Hotelschiffe immer mehr gesteigert werden. Rund 40 000 Gäste pro Jahr kommen derzeit mit dem Schiff nach Wertheim.
Etwa 70 Prozent dieser Touristen stammen aus den Vereinigten Staaten von Amerika, England, Neuseeland oder Australien. "Oft sind das Leute, die noch aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges eine Verbindung nach Deutschland haben. Manche möchten alte Bekanntschaften pflegen oder kommen aus nostalgischen Gründen, weil sie einst hier stationiert waren. Zudem gibt es viele jüdische Amerikaner, die nach Wertheim kommen, um nach ihren Wurzeln zu suchen", ergänzt die FVG-Geschäftsführerin. Die anderen 30 Prozent sind Deutschstämmige und Franzosen. Aber auch immer mehr Russen finden den Weg nach Wertheim.
Die meisten Touristen, die während ihrer Kreuzfahrt auch die Main-Tauber-Stadt ansteuern, haben eines gemeinsam: Sie wollen eine typische deutsche Kleinstadt kennen lernen.
Und da werden sie in Wertheim freilich fündig. "Man fällt hier ja geradezu aus dem Schiff heraus mitten in eine Altstadt mit verwinkelten Fachwerkhäusern, kleinen Geschäften und netten Leuten, die sich alle zu kennen scheinen. Genau das wünscht sich ein Tourist beim Besuch in Wertheim. Eine Stadt, in der anscheinend die Zeit stehengeblieben ist", sagt Nitschel.
Toll sei auch die Burg, die gemeinsam mit der historischen Altstadt praktisch ein Komplett-Paket "Ausflug ins Mittelalter" darstellt. Gerade die Burg würde Kathleen Nitschel gerne noch intensiver in die touristischen Angebote der FVG mit einbringen. Allerdings sei es nach wie vor ein großes Problem, die Menschen hinauf zu bringen. Allgemein lasse sich, so Nitschel, eine breitere Fächerung in Sachen Angebot und Kundschaft im Schiffstourismus ablesen, die auch Wertheim zu spüren bekommt. So habe die steigende Nachfrage an Kreuzfahrten immer mehr Reedereien entstehen lassen, die sich wiederum auch an der Kundenklientel und deren Geldbeutel orientieren.
"Noch vor wenigen Jahren hat eine Kreuzfahrt mehrere tausend Euro gekostet. Heute bucht man solche Reisen in Last-Minute-Angeboten schon im dreistelligen Bereich, oft auch noch mit Flug", informiert die FVG-Geschäftsführerin. Das "Preis-Dumping" der Reedereien führe aber dazu, dass jetzt auch Gäste auf die Schiffe steigen, die vielleicht nicht die ganz hohen Ansprüche an das Angebot und den Komfort auf dem Schiff stellen. Hierauf wiederum reagieren die Veranstalter mit abgespeckten Reiseverläufen.
Es entstehe eine Schere zwischen teueren, hochklassigen Reisen mit entsprechendem Programm auf und außerhalb des Schiffes und Günstig-Varianten, bei denen man die Ausflüge extra zubuchen muss. Was nicht jeder Passagier macht.
"Wertheim hat es zunehmend schwerer, sich als bevorzugtes Ziel für längere Aufenthalte zu etablieren", meint Nitschel. Es herrsche ein regelrechter Kampf unter den Städten, die sich auf einer Route befinden. So gelte es, sich einerseits auf die Stärken zu konzentrieren und andererseits Nischen zu suchen. Da das Thema "Wein" beispielsweise schon von andren Orten "besetzt" ist, könnte man sich in Wertheim das Thema "Bier" vornehmen. Eine von vielen Ideen, die noch in der Schublade liegen oder zu denen bereits die ersten Überlegungen und Vorgespräche angestellt worden sind.
"Die FVG kann nur bedingt Einfluss nehmen auf den Stellenwert Wertheims für Schiffstouristen. Zuallererst müssen wir von den Reiseveranstaltern als tolles Ziel propagiert werden. Das werden wir aber nur, wenn in der Stadt die Rahmenbedingungen stimmen", sagt die FVG-Geschäftsführerin. Insofern sieht sie die "Hausaufgaben" darin, ihre Institution weiter auf Messen gut zu präsentieren.
Fränkische Nachrichten
30. September 2008
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