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Von unserer Mitarbeiterin Heike v. Brandenstein
Vielleicht war es ein Tag, an dem dichter weißer Nebel wie ein Wattebausch über der Stadt lag, vielleicht aber war der 4. November 1907 auch ein schöner klarer Herbsttag mit strahlendem Sonnenschein. In jedem Fall wurde an diesem Tag das neue Volksschulhaus nahe dem Schloss eröffnet. Im letzten Jahr feierte die Grundschule West deshalb ihr 100-jähriges Bestehen und den Abschluss der umfangreichen Sanierung.
Und dabei erhielt sie auch einen neuen Namen: "Grundschule am Schloss".
Wer eine alte Schule betritt, die niedrigen breiten von Kinderfüßen ausgetretenen Steinstufen emporsteigt und den typischen Schulgeruch einatmet, wird sich unweigerlich die Frage stellen, was sich da im Laufe von 100 Jahren abgespielt haben mag. Bezopfte Schülerinnen in Kleidchen und Schürzchen, Jungs in kurzen Hosen, eine Heizung, deren Hitze im Winter die Eisblumen an den Fensterscheiben schmelzen ließ, Raufereien auf dem Schulhof, Lachen, der Rohrstock des Lehrers, tränenüberströmte Kindergesichter, freudige Erwartung vor der versprochenen Überraschung und mühsam unterdrückte Ängste vor der Zeugnisausgabe.
Über 100 Jahre Schulhaus am Schloss spiegeln 100 Jahre Pädagogik und 100 Jahre Kindheit in Deutschland wieder. Als das Schulhaus am Schloss im Jahre 1907 mit einem Dank- und Segensgottesdienst feierlich eröffnet wurde, hatte die über Jahre herrschende Raumnot ein Ende.
1834 war die Schulpflicht in Baden eingeführt worden, die Tauberbischofsheimer Eleven erhielten ihren Unterricht in Räumen in der Nähe der katholischen Stadtkirche. Als diese beim neuen Kirchenbau abgerissen wurden, fand der Unterricht in Räumen des Kurmainzischen Schlosses statt. Ende des 19. Jahrhunderts aber reichte der Platz aufgrund der steigenden Kinderzahl nicht mehr aus. Ein neues Schulhaus, so Bürgerausschuss und Gemeinderat, sollte gebaut und dafür das Schloss abgerissen werden.
Ein Vorschlag, der über die Grenzen der Stadt hinaus für Furore sorgen sollte. Schließlich war es der Bezirksrat, der sich in einer Sitzung am 16. September 1902 diesem Beschluss entgegen setzte. Auch die badische Regierung und der Großherzog hatten den Abriss des Schlosses abgelehnt. Doch erst drei Jahre später sollte der hiesige Gemeinderat die Erhaltung und Restaurierung des Schlosses sowie den Kauf des Bauplatzes neben den Zwingergärten für einen Schulhausneubau beschließen.
Im März 1906 wurden 150 000 Mark für den Schulhausneubau und 10 000 Mark für die Inneneinrichtung bewilligt. Am 4. November wurde das Gebäude mit zehn Schulsälen sowie Nebenräumen, Ventilatoren, Dampfheizung, Wasserleitung, elektrischem Licht und der neuen Einrichtung eingeweiht.
Frisch saniert nach den Kriterien der Denkmalpflege präsentiert sich die "Grundschule am Schloss" heute. Zunächst Volksschule, wurde sie bis zur Trennung dieser beiden Schularten 1974 Grund- und Hauptschule. Zwischen 1975 und 1979 erfolgte eine Renovierung, in den Jahren 1981/82 wurde die Gymnastikhalle errichtet und der Schulhof neu- und umgestaltet. Hat sich das große Sandsteingebäude nahe dem Schloss in seiner äußeren Erscheinung über ein Jahrhundert kaum verändert, vollzog sich bei den Lern- und Lehrinhalten sowie bei den Methoden ein stetiger Wandel.
Herrschte Anfang des 20. Jahrhunderts vielfach das Prinzip von Zucht und Ordnung und der strengen Unterwerfung der Schüler, forderte die Reformpädagogik eine Erziehung vom Kinde aus. Sie wandte sich gegen die autoritäre Paukschule und Lebensfremdheit. Je nach Ausrichtung wurden liberale Grundhaltungen mit sozialem Engagement verknüpft. Wichtigste Prinzipien waren das handlungsorientierte Lernen, das freie Gespräch, die Selbsttätigkeit der Schüler, Erlebnis- und Arbeitspädagogik sowie praktische Tätigkeiten.
Auch Maria Montessori, die 1907 in einem römischen Armenviertel die erste Casa die Bambini (Kinderhaus) gegründet hatte, gehört zu den Reformpädagogen. Sie stellte die individuellen Talente und Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt und plädierte dafür, dass jedes Kind nach seinem eigenen Rhythmus in natürlicher Umgebung selbstständig lernen und entsprechend ermuntert werden sollte. Die erste deutsche Montessorischule entstand 1923 in Jena.
Johannes Paul Müller, Großvater des heutigen geschäftsführenden Gesellschafters des Tauberbischofsheimer Unternehmens VS, Prof. Dr. Thomas Müller, schloss sich mit seinem Berliner Unternehmen im Jahr 1898 mit mehreren anderen zur Firma VS zusammen.Bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts waren die Werkstätten für Schulmöbeleinrichtung von Johannes Paul Müller Alleinhersteller und -vertreiber von Montessori-Lehrmitteln in Deutschland. Denkbar also, dass auch die Tauberbischofsheimer Volksschule sowohl von den reformpädagogischen Materialien einer Maria Montessori als auch von der innovativen am Kind orientierten Schulmöbelherstellung und -entwicklung in der Nachbarschaft profitierten.
Mit dem Nationalsozialismus wurden alle demokratischen Ansätze in der Pädagogik zerstört. Vielmehr gab es einen Rückschritt zu autoritären Strukturen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich im Westen Deutschlands wiederum das dreigliedrige Schulsystem der Weimarer Zeit durch. Viele Ideen wie die Antiautoritäre Erziehung, die Antipädagogik oder die demokratische Erziehung bildeten sich seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts heraus.
Bei den Lehr- und Lernmethoden finden sich heute etliche Ansätze aus der Reformpädagogik wie Gruppenarbeit, individuelles Arbeiten in Lernzirkeln oder die freie Rede. Seit der Pisa Studie in 2000 kristallisiert sich erneut der Ruf nach Bildungsreformen heraus. Erste Ansätze zeigen sich im neuen Bildungsplan.
Fränkische Nachrichten
30. September 2008
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