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Von Jürgen Strein
Design bestimmt das Bewusstsein - hätte Karl Marx vielleicht festgestellt, wenn er aufs Automobil und nicht auf die Kutsche als Fortbewegungsmittel angewiesen gewesen wäre. So blieb es Walter da Silva vorbehalten, den neuerdings immer wichtigeren Grundsatz der Automobilhersteller umzusetzen. Der Chefdesigner von Seat, mittlerweile im Haus VW ein Stockwerk weiter (nämlich zu Audi) umgezogen, machte aus den Spaniern, die bislang brav und bieder im Windschatten der Wolfsburger dümpelten, eine Marke mit dynamischem Design und sportlicher Ausrichtung.
Der Kompaktvan Altea gab einen Vorgeschmack von der Neuausrichtung von Seat, vor wenigen Monaten zog der Toledo nach und mittlerweile schaut - fast ein wenig zuviel des Guten - auch der Leon mit dem neuen Markengesicht in die automobile Welt.
Beim Toledo kommt zur rasant gestylten Front ein gewöhnungsbedürftiges Heck, was die Stufenheck-Limousine in der dritten Generation wie eine Mischung aus Altea und Renaults Oberklässler Vel Satis aussehen lässt. An den Bruder aus der Seat-Familie erinnern neben der gleichen Formensprache die ausgezeichneten Fahreigenschaften und - in der von den Fränkischen Nachrichten getesteten 2.0 TDI-Version - ein bärenstarker Motor.
Der neue Toledo ist nach dem Altea der zweite Seat, dessen Design auf dem Concept-Car Salsa basiert. Die von Seat so getaufte "dynamic line" profiliert die Motorhaube, fließt zur Fahrzeugseite und verläuft leicht abfallend weiter bis zum hinteren Radkasten. Man muss sich einfach einmal zu den Frontscheinwerfern hinunter beugen, um das raffinierte Spiel von konvexen und konkaven Flächen zu genießen.
Die aufsteigende Linie der Motorhaube wird nahtlos in die A-Säulen weitergeführt und sorgt so für einen flüssigen Übergang zum Fahrzeugdach. Die Scheibenwischer verstecken sich unter den Blenden der beiden A-Säulen - was einen Autojournalisten schon bei der Altea-Vorstellung zur Frage veranlasst hatte, wo denn nun die Knöllchen beim Falschparken festgeklemmt werden sollen. Die Scheibenwischer-Position ist allerdings mehr als Selbstzweck: Es gibt kaum blinde Flecken, wenn die beiden Wischer in Aktion treten, und außerdem verschafft ihre Positionierung dem Toledo aerodynamische Vorteile.
Wer sich hinter dem Lenkrad des Spaniers an den anerkennenden Blicken über die Frontpartie des Autos freut, muss sich auch damit anfreunden, dass Passanten bestenfalls ratlos gucken, wenn sie den Toledo von hinten zu sehen bekommen. Die Stufe im Heck ist schon arg gewöhnungsbedürftig. Allerdings nur von der Ästhetik, nicht von der Funktionalität her: Die große Heckklappe, die am Fahrzeugdach angeschlagen ist, bietet eine riesige Ladeöffnung. Das erleichtert das Be- und Entladen auch von sperrigen Gütern ganz erheblich.
Ausdrucksstark wie die Frontpartie präsentiert sich auch das Armaturenbrett. Drei Rundinstrumente beherrschen die in einen ovalen Aufbau platzierte Instrumententafel und bieten umfassende Informationen: In der Mitte ist der Drehzahlmesser platziert, rechts daneben liegt der Tachometer. Im linken Rundinstrument sind die Anzeigen für Kraftstoff und Kühlmitteltemperatur, die Digitaluhr, der Tageskilometerzähler und die Wartungsanzeige integriert. In der großen zentralen Mittelkonsole - dem Fahrer leicht zugeneigt, ausgezeichnet zu bedienen und abzulesen - sind das Audio-, das Navigationssystem und die Klimaanlage untergebracht. Die Sitze des Toledo bieten guten Seitenhalt. Dem Trend und den neuen Maßen entsprechend - der neue Toledo ist sage und schreibe 13 Zentimeter höher als sein Vorgänger - sitzt man etwas erhöht. Im Fond finden bis zu drei Personen mit viel Beinfreiheit Platz. Die Rückbank verwandelt sich durch das Herunterklappen der breiten Mittelarmlehne in einen Zweisitzer.
Immer wieder entdeckt man im Toledo neue Ablage- und Staufächer: Brillenhalter auf der linken Seite, ein Fach und zwei Getränkehalter unter der Mittelkonsole, eine Schublade unter jedem Vordersitz und ein großes Ablagefach in den Vordertüren mit ausreichend Platz für eine 1,5-Liter-Flasche, in der vorderen Mittelarmlehne Fach mit doppeltem Boden. Auf der ersten Ebene können Gegenstände aufbewahrt werden und darunter ist der Platz für den CD-Wechsler. Auf den hinteren Sitzen Ablagen an jeder Sitzseite, in der Türverkleidung eine Tasche an jeder Vordersitzlehne, Staufach am Ende des Mitteltunnels und und und.
Variabilität ist auch beim Beladen Trumpf. Der Gepäckraum bietet ein Fassungsvermögen von 500 Litern für den täglichen Bedarf. Dieses Volumen kann durch Entfernen der oberen Abdeckung bis auf 620 Liter vergrößert werden. Ohne großen Kraftaufwand lassen sich die Rücksitzlehnen des Toledo umlegen, ohne dass dabei die Kopfstützen entfernt werden müssen. Durch Ziehen an einer Schlaufe gleiten die Sitzflächen in den freien Raum zu den Vordersitzen, die Rückenlehnen bilden eine ebene Ladefläche. Nach diesen einfachen Handgriffen steht bis zur Höhe der Ablage ein Fassungsvermögen von 1007 Litern zur Verfügung, und von 1440 Litern vom Gepäckraumboden bis zum Dach.
Das "neue" Seat-Gefühl kommt allerdings erst beim Fahren so richtig auf. Vier Motoren stehen zur Verfügung, zwei Benziner und zwei Turbodiesel. Der getestete 2.0 TDI mit 140 PS ist ein alter Bekannter aus dem Hause VW. Mit den bekannten Stärken - und Schwächen: Bei unter 2000 Umdrehungen brummelt der Motor mit Pumpe-Düse-Einspritzung missvergnügt vor sich hin, um dann mit einem Ruck abzugehen wie die Feuerwehr. Bei knapp unter 4000 Umdrehungen verliert er dann schon wieder die Lust am Sprint. Man muss ihn halt einfach in dem Bereich dazwischen fahren, dann hat man ein bärenstarkes Aggregat, das Sicherheit durch Kraft gibt.
Das Sechsgang-Getriebe bringt die Kraft harmonisch auf die Straße. Und dort hält es das "agile Fahrwerk", eine Seat-Entwicklung, fest. Den Toledo kann auch hohes Kurventempo nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Die sportliche Fahrwerksabstimmung, die exakte Lenkung - mit an der Geschwindigkeit angepassten Servo-Funktion - machen kurvenreiche Strecken zum Spaß-Erlebnis.
Sicherheit spielt natürlich eine große Rolle: Unter anderem sorgen sechs Airbags für Insassen-Sicherheit, die Fahrzeugfront wurde so konstruiert, dass das Verletzungsrisiko für Fußgänger gering gehalten wird. Alle Toledo Versionen sind serienmäßig mit ABS, ESP, TCS sowie dem hydraulischen Bremsassistenten HBA zur optimalen Nutzung der Bremskraft ausgestattet.
Seat bietet den Toledo in den beiden Ausstattungs-Varianten "Reference" und "Stylance" an. Bereits die Einstiegsvariante "Reference" ist umfangreich ausgestattet. Die getestete "Stylance"-Version steht für komfortbetonte Ausstattung.
Design oder nicht sein - ganz so hart stellte sich die Alternative für die spanische VW-Tochter nicht. Dennoch: mit eigener Designsprache und bekannten Stärken - wie dem Fahrwerk und den Motoren - hat sich Seat innerhalb der VW-Gruppe als Hersteller sportlicher und ungewöhnlicher Fahrzeuge einen eigenen Standort gesichert.
Fränkische Nachrichten
05. März 2005
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