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Mainz. Vor dem ersten Tag in der neuen Schule schlief Matthias schlecht. "Ich lag immer wieder wach und überlegte, wie meine neue Klasse wohl sein würde", sagt der 17-Jährige im Rückblick auf seinen Umzug von Mainz nach Berlin und den damit verbundenen Schulwechsel vor knapp einem Jahr. "Mir war ziemlich mulmig zumute, und ich habe mir Sorgen gemacht, ob die neuen Mitschüler wohl nett sind und ich schnell neue Freunde finden würde."
So wie Matthias geht es zu Beginn eines Schuljahres vielen Jungen und Mädchen in Deutschland, wenn sie in eine andere Stadt ziehen oder innerhalb ihrer Schule die Klasse wechseln. Während sich einige darüber sogar freuen, empfänden andere einen solchen Wechsel als schlimm und hätten richtig Angst davor, sagt Ulrich Gerth, Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Mainz. "Doch das muss nicht sein, denn ein Schulwechsel ist zwar eine Herausforderung, die aber jeder meistern kann."
Hilfreich sei es, sich vorab über die neue Schule zu informieren -etwa im Internet oder über Bekannte, die bereits dort sind. "Dabei kann man sich schon einmal Bilder der Schule anschauen und sich über deren Freizeit- und AG-Angebote informieren", sagt Gerth. "Dann ist nicht alles neu und ungewiss." Stattdessen könnten Jugendliche sich schon innerlich darauf einstellen, inwieweit sich der Schulalltag für sie ändern wird.
Der Schulpsychologe Stefan Drewes aus Düsseldorf empfiehlt, sich vor dem ersten Schultag ein oder zwei Sätze für die Vorstellung in der neuen Klasse zu überlegen. "Dabei sollte man sich aber vor allem so geben, wie man ist", rät der Experte vom Berufsverband der Deutschen Psychologinnen und Psychologen (BDP) in Berlin. "Meist reicht ein allgemeiner Satz, denn der Rest klärt sich später in weiteren Gesprächen." So biete es sich für Neulinge in der Klasse etwa an, kurz zu erzählen, woher sie kommen und in welchem Stadtteil sie jetzt wohnen. Wer unsicher ist, könne das auch vorher mit Freunden oder Eltern üben.
In der neuen Klasse muss man sich dann erst einmal langsam vortasten. "Man sollte sich nicht in der hintersten Ecke des Schulhofs verstecken, man sollte aber auch nicht zu stark vorpreschen und sich in den Vordergrund spielen", rät Drewes. "Das kommt beides nicht gut an." Vielmehr sollten Neulinge darauf achten, welche Cliquen es in der Klasse gibt, und wie die Rollen verteilt sind.
Um bei anderen gut anzukommen, ist laut Psychologe Gerth auch die Mimik und Gestik wichtig. Verschränkte Arme und ein angespanntes Gesicht signalisieren anderen demnach eher Abwehr als Offenheit. Stattdessen sollte man freundlich gucken und Einladungen annehmen. "Auch wenn einem die Nase des anderen nicht hundertprozentig passt, kann er ja doch ganz nett oder zumindest ein erster Kontakt sein."
Für die ersten Tage hat Gerth noch einen weiteren Tipp: "Wenn man Mitschüler über die Lehrer befragt, kommt man auf relativ unkomplizierte Weise mit ihnen ins Gespräch." Ein guter Gesprächseinstieg sei auch, andere nach ihren Hobbys zu fragen oder sich zum gemeinsamen Lösen der Schulaufgaben zu verabreden.
Dabei sollten Neulinge in der Klasse sich aber nicht nur eine Person hängen. "Sonst läuft man Gefahr, zu nerven und für den anderen eine Belastung zu werden", sagt Drewes. Besser sei, grundsätzlich für alle Kontakte offen zu sein. "Wer neu in der Stadt ist, kann ja auch fragen, wo beliebte Treffpunkte oder Sportvereine sind und so neue Freunde kennenlernen."
Manchmal ist es nicht so leicht, den neuen Mitschülern den Grund für einen Klassenwechsel zu sagen - etwa wenn ein Sitzenbleiben, die Scheidung der Eltern oder ein Verweis von der alten Schule dahinter stecken. "Man sollte natürlich nicht lügen, denn wenn die Wahrheit später doch rauskommt, steht man dumm da", rät Schulpsychologe Drewes. Dennoch sei es nicht nötig, gleich jedem in der neuen Klasse sein ganzes Privatleben zu offenbaren. So biete es sich etwa bei einem Schulwechsel wegen der Scheidung der Eltern an, erst einmal nur den Umzug zu erwähnen und den anderen später mehr über die Hintergründe zu erzählen.
Ein bisschen Geduld ist in jedem Fall nötig - gleich am ersten Tag wird man nicht so gute Freunde wie in der alten Klasse gefunden haben. "Das dauert einfach etwas", sagt Gerth. Wer doch größere Probleme hat, sollte sich bei Lehrern oder Jugendberatungsstellen Hilfe holen. "Normalerweise aber findet man nach einigen Wochen Anschluss." Matthias kann das bestätigen: "Die ersten Tage war ich zwar viel allein, aber mittlerweile habe ich wirklich gute Freunde gefunden und fühle mich richtig wohl." tmn
01. Juni 2010
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