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Von unserer Mitarbeiterin Adrienne Friedländer
Frankfurt. Zettel, Kugelschreiber und Stift liegen an den Plätzen, Häppchen und Erfrischungsgetränke für die Pause stehen auf dem Buffet bereit. Eine ganz normale Seminarkulisse - nur kommen die Teilnehmer, die sich an diesem Tag um den Tisch versammelt haben, nicht aus dem Berufsleben, sondern aus Kindergarten und Schule.
Emilia, Franziska, Livia, Victoria, Fabian und Jonah - sechs Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren haben sich für den "Kinder-Knigge-Kurs" angemeldet. Heute unterrichtet Charlotte Jung Benehmen und der Esskultur im Schlosshotel Kronberg bei Frankfurt. Schwere Teppiche, dunkle Möbel, Kronleuchter und Kamin - der Festsaal des Schlosses bietet die passende Atmosphäre, um sich stilgerecht mit der Etikette des Adolph Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge aus dem 18. Jahrhundert auseinanderzusetzen.
"Hat jemand von euch schon einmal von Knigge gehört?" Frau Jung schaut fragend in die Runde. Außer Livia, die sogar schon ein eigenes Exemplar des Benimm-Klassikers im Bücherbord hat, weiß keiner so ganz genau, wer oder was Knigge ist, nur, dass es hier irgendwie um gutes Benehmen geht. Und Emilia weiß im Grunde schon vor Kursbeginn, worauf es dabei ankommt: "Man soll nicht zu laut schlürfen und möglichst auch kein Essen aus dem Mund fallen lassen!" Frau Jung lacht. "Darauf lässt sich ja schon eine Menge aufbauen!" Und dann geht es auch gleich los. Wie grüßt ihr eure Lehrer auf dem Schulhof? Wie die Großmama am Telefon? Sechs Hände schnellen in die Luft. Jedes der Kinder kommt dran. Verschiedene Begrüßungsvorschläge und Fragen machen die Runde, bevor Jung die richtige Antwort preisgibt.
Viele der Regeln, die im Alltag zu Kinderohren hinein- und auf der anderen Seite wieder hinauszufliegen scheinen und zum Familienstreit führen, werden spielerisch vermittelt und ernst genommen. Wer hat nicht schon mit Erstaunen erlebt, wie der kleine Trotzkopf, der sich zu Hause verweigert, willig den Anweisungen der Kindergärtnerin folgt? So ist das Ziel des Kurses auch nicht die Erziehungsarbeit der Eltern zu ersetzen, sondern ihnen dabei unterstützend unter die Arme zu greifen.
Mit Fantasie und Beispielen aus dem täglichen Leben erklärt Jung die Grundregeln der guten Umgangsformen. "Wisst ihr eigentlich, wie man so ganz ordentlich am Tisch sitzt?" Die Kinder rutschen auf ihren Sitzen hin und her, ordnen ihre Füße und Hände. "Stellt euch vor, eine Maus läuft euch den Rücken herunter und gleichzeitig sitzt eine Katze auf eurem Schoß." Mühelos gelingt es Jung, die Kinder in ihren Bann zu ziehen. Und auch wenn einige der neuen Erkenntnisse niederschmetternd sind, zum Beispiel, dass Handy, Gameboys und sonstige Spiele bei Tisch verboten sind, arbeiten die Kinder begeistert mit.
In den Pausen sind schon erste Erfolge zu verzeichnen. Höflich werden die Häppchen herumgereicht. "Bitteschön, dankeschön, darf ich dir noch etwas reichen?" Manche Eltern würden ihren Ohren nicht trauen, wenn sie hier Mäuschen sein könnten. Dabei ist die Stimmung froh und ausgelassen. Benimm-Erfahrungen werden ausgetauscht: "Ich habe mal einen ganz erwachsenen Mann gesehen, der hat so laut im Restaurant gerülpst, dass alle ihn angestarrt haben."
Am Nachmittag geht es mit praktischen Übungen weiter. Der Seminarraum wird zum Restaurant. Fabian öffnet "seiner Frau" Victoria die Tür und hilft ihr aus dem Mantel. Empfangsdame Livia führt das Ehepaar an den Tisch. Erwachsensein Spielen macht Spaß, selbst wenn es manchmal nicht ganz einfach ist mit dem guten Benehmen bei Tisch. So viel gleichzeitig gibt es zu beachten: Nicht mit dem Stuhl kippeln, nicht über das Essen meckern, auch nicht, wenn es Gemüse gibt, nicht mit dem Nachbarn kabbeln, nicht kleckern und auf keinen Fall in die heiße Suppe pusten. Ganz schwierig wird es dann auch noch einmal beim Decken des festlichen Tisches. Wohin mit der unübersehbaren Anzahl von Messern, Gabeln und Löffeln? Und wozu braucht man drei Gläser?
Die Feuerprobe besteht aus einem Festmenü mit Eltern und anschließender Überreichung der Knigge-Urkunde. Begeistert präsentieren die Absolventen, was sie gelernt haben. Emilia fasst es einmal zusammen: "Gutes Benehmen bedeutet zum Beispiel, dass man sich nicht gleich mit dem Tischnachbarn schlägt, nur weil dieser aus Versehen die falsche Gabel genommen hat."
06. April 2010
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