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Von unserem Redaktionsmitglied Hanna Fischer
Mannheim. Ein neuer Tag. 6.48 Uhr, ab in die Straßenbahn. Die Linie 5 ist proppenvoll, wie immer. Dominik R. (Name von der Redaktion geändert) fühlt sich wie eine Sardine in der Büchse. Ein Blick auf die Uhr, der erste von unzähligen an diesem Tag. Noch genau 13 Minuten, dann fährt der ICE. Dann noch einmal in die Straßenbahn. Bis Dominik R. an seinem Arbeitsplatz in Karlsruhe ist, vergehen eineinhalb Stunden.
Der Mannheimer ist Berufspendler, einer von Millionen Menschen in Deutschland, die am Tag insgesamt mindestens zwei Stunden unterwegs sind. So definieren es Forscher am Institut für Soziologie der Mainzer Universität. Eineinhalb Jahre lang haben die Wissenschaftler für ihre Studie "Job Mobilities and Family Lives in Europe" (Beruflich bedingte Mobilität und Familienleben in Europa) mehr als 7000 Berufspendler zwischen 25 und 54 Jahren befragt. Sieben Prozent aller Erwerbstätigen in dieser Altersspanne sind mobil. Tendenz steigend.
"Immer mehr Arbeitsverträge sind befristet, die Jobs werden häufiger gewechselt. Da steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Arbeitsplatz nicht am gleichen Ort ist wie der alte", erklärt Detlev Lück von der Abteilung Soziologie der Familie und der privaten Lebensführung an der Universität Mainz. "Außerdem gibt es immer mehr spezialisierte Jobs, die es eben nicht überall gibt."
Stundenlang im Auto sitzen, Fahrten in überfüllten Zügen - das Pendeln hinterlässt Spuren. "Mobile Menschen leiden verstärkt unter Schlafstörungen und Konzentrationsmangel. Viele werden von einer inneren Unruhe geplagt oder leiden unter Verdauungsbeschwerden", sagt Steffen Häfner. Der Oberarzt der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen erforscht seit Jahren, wie sich das Pendeln auf die Gesundheit auswirkt. "Ist man täglich auf der Suche nach einem Sitzplatz oder steht im Stau, steigt der Pegel der Stresshormone wie Adrenalin an", erklärt er.
Dominik R. kennt dieses Gefühl der täglichen Hektik. "Man steht ständig unter Strom. Am Ende des Arbeitstages geht der Blick wieder auf die Uhr. "Ab 17 Uhr plane ich schon die bevorstehenden Stationen durch." Wenn er im Zug sitzt, schafft der 36-Jährige es, den Stress- pegel zu senken. "Ich höre Musik oder erledige meinen privaten E-Mail-Verkehr, was ich sonst nach Feierabend machen würde."
Langfristig gesehen leben Pendler mit einem erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko, sagt der Mediziner Steffen Häfner. "Zu den psychosomatischen Symptomen kommen körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen, die durch das lange Sitzen, aber auch durch die Tatsache, dass weniger Zeit für Sport bleibt, verursacht werden." All diesen Beschwerden liege eines zugrunde: das Gefühl, die Kontrolle darüber zu verlieren, wie schnell man am Ziel ist. "Sie haben es nicht in der Hand, ob der Zug pünktlich ankommt oder der Verkehr fließt", erklärt der Soziologe Detlev Lück.
Dennoch: Es gibt Berufstätige, denen das Pendeln nichts ausmacht. Robert K. (Name geändert) zum Beispiel. Auch der 30-jährige Produktmanager ist täglich zwei Stunden unterwegs, und das gerne, wie er sagt. "Ich bin es gewohnt, auf Reisen zu sein. Und mir macht mein Job Spaß." Vor allem kinderlose Berufstätige, so Detlev Lück, nehmen das Pendeln in Kauf - für einen Arbeitsplatz, der ihrer Qualifikation und ihren Gehaltsvorstellungen entspricht und ihnen schlicht Freude macht.
"Im Gegensatz zu Müttern sind Väter genauso mobil wie kinderlose Männer. Ein extrem hoher Anteil mobiler Frauen ist kinderlos", sagt der Soziologe Detlev Lück. Für Mütter bedeute das Pendeln oft eine weitaus größere Beeinträchtigung. "Die Versorgung der Kinder und der Haushalt bleiben häufig auch dann Aufgabe der Frau, wenn beide Partner mobil sind", erklärt Lück.
Auch wenn Dominik R.'s Frau nicht pendelt, kommt das Familienleben zu kurz. "Ich gehe morgens aus dem Haus, bevor die Kinder wach sind. Wenn ich abends komme, haben sie oft schon gegessen", schildert Dominik R. den Familienalltag. Ein Umzug komme nicht infrage. "Unser Lebensmittelpunkt ist Mannheim. Das gilt vor allem für die Kinder, die hier ein festes soziales Umfeld haben." Tatenlos will der 36-Jährige dennoch nicht bleiben: Er sieht sich derzeit nach einem neuen Job um - in Mannheim.
23. März 2010
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