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Zusammenleben: In risikoreichen Zeiten stehen Trendforschern zufolge Werte wie Zuverlässigkeit und Solidarität hoch im Kurs

Liebe, Vertrauen, Sicherheit

Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Loimeier

In Zeiten der Finanz-, Branchen- und Wirtschaftskrise, heißt es, begnügen sich die Menschen zunehmend mit dem, was sie haben, und schwören hochfliegenden Träumen ab. Trendforscher wie Matthias Horx oder Horst Opaschowski sind sich einig: Heute besinnt man sich auf urmenschliche Glücksfaktoren wie Gesundheit, Freunde und familiäre Beziehungen. Hoch im Kurs stehen ihnen zufolge Werte wie Sicherheit, Vertrauen, Verantwortung, Solidarität und Verzicht. Auch Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg bestätigt: "Traditionsmarken haben einen hohen Vertrauensbonus."

Das gilt natürlich auch in Beziehungsfragen. Keine Abenteuer, keine Risiken - alles will sicher kalkuliert sein, lautet die Devise, und: Lieber die Traditionsmarke Ehepartner in der Hand als die Illusion vom großen Glück auf dem Dach. Passend dazu künden Bücher wie "Ende der Liebe" des Soziologen Sven Hillenkamp oder "Lob der Vernunftehe" von Arnold Retzer vom Trend zum Rationalen auch in emotionalen Angelegenheiten.

Überzogene Erwartungen

Retzer, seines Zeichens Privatdozent für Psychotherapie an der Universität Heidelberg, stellt in seinem Buch sogar die großen Werte Glück und Gleichheit in Frage, behauptet die "Unvereinbarkeit von Liebe und Leben" und plädiert für den "Verzicht auf das große Glück". Ganz so pessimistisch sind seine provokanten Thesen bei genauerer Betrachtung aber nicht. Retzers Plädoyer für Vernunftehe meint keine Fürsprache einer gefühllosen Versorgungsehe, sondern appelliert an weniger Irrglauben in der Beziehung.

Freilich sind das schlicht Binsenweisheiten, Auffassungen des gesunden Menschenverstands, für die der Paarberatungsprofi Retzer damit wirbt: Warnung vor überzogenen Erwartungen an Partnerschaft, und die Mahnung davor, Partner grundlegend ändern zu wollen. Konkrete Tipps für das Gelingen einer Partnerschaft gibt Retzer ohnehin nicht, verweist vielmehr auf den Mut zur Trennung, wenn denn gar nichts mehr klappt.

Sowohl Retzer als auch Hillenkamp geht es mithin allein darum, ihre Leser vor abstrusen Erwartungen und falschen Versprechungen zu warnen. Eine umfassendere, zeitlich ausholendere Analyse der Paarbeziehungen liefern beide Autoren nicht. Aber wer sagt denn, dass der Wandel in der Paarbeziehung - also die gestiegene Suche nach Zweisamkeit und Familienzusammengehörigkeit - nicht einfach die korrigierende Antwort ist auf eine Individualisierung, wie sie in den 1970ern durch das Postulat für Autonomie extrem propagiert wurde?

An derlei Geschichtsbewusstsein mangelt es Hillenkamp wie Retzer, deren Publikationen zwar mit Gewinn als Ratgeberliteratur gelesen werden können. Aber ihre Bücher programmatisch als Ausdruck einer Zeitenwende im menschlichen Zusammenleben einer krisengeschüttelten Gegenwart zu präsentieren, ist entweder unverantwortliche Geschichtsvergessenheit oder nur eine merkantilistisch orientierte Verkaufsstrategie.

23. Februar 2010

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