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Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein
Mannheim/Viernheim. Eltern sollten wieder mehr auf ihre Intuition hören und ihre Kinder nicht durch zahlreiche Kurse und Förderangebote unter Druck setzen, rät die Viernheimer Kinderpsychotherapeutin Christina Adler-Schäfer.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Was ist dran an diesem Spruch?
Christina Adler-Schäfer: Er gilt für mich nur eingeschränkt, denn schließlich ist der Mensch auf lebenslanges Lernen ausgerichtet. Sicher, wenn das Kind ein Klaviervirtuose werden soll oder eine Fremdsprache akzentfrei lernen soll, dann ist es sinnvoll, früh damit zu beginnen. Stellt sich nur die Frage, ob es nicht reicht, wenn ein Kind ein Instrument später lernt und damit zufrieden ist.
Babyschwimmen, Instrumentenkarussell, Schach, Englisch. Viele Eltern scheinen dem Förderwahn verfallen zu sein. Warum?
Adler-Schäfer: Ich glaube, es gibt dafür zwei Gründe. Seit Pisa werden Kinder häufiger getestet, untersucht, normiert und verglichen. Schon Vierjährige müssen einen Sprachtest im Kindergarten absolvieren. Klar, dass dabei Auffälligkeiten entdeckt werden. Entwicklungen verlaufen nun mal nicht linear. Es gibt Höhen und auch vermeintliche Rückschritte. Das ist ganz normal.
Und der zweite Grund?
Adler-Schäfer: Wir alle haben das Gefühl, in einer immer komplizierteren Welt zu leben. Dazu kommen wirtschaftliche Ängste. Eltern wollen ihren Kindern das Bestmögliche mitgeben, damit sie in dieser Welt bestehen können.
Helfen die vielen Kurse dabei?
Adler-Schäfer: Förderung allein kann das sicher nicht leisten. Ganz wichtig sind auch die Bindungsfähigkeit und die Persönlichkeitsentwicklung. Die lässt sich nicht durch Kurse beschleunigen oder steuern.
Können Eltern nichts tun, damit sich ihr Kind optimal entwickelt?
Adler-Schäfer: Doch, natürlich. Es ist wichtig, dem Kind gegenüber achtsam zu sein. Natürlich sollte man auch Angebote machen, aber dabei auf die Interessen des Kindes achten. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man selbst allein am besten wisse, was dem Sohn oder der Tochter gut tut. Das Kind führt auch den Erwachsenen.
Wie lernen Mädchen und Jungen am besten?
Adler-Schäfer: Das geschieht ganz von selbst. Kinder wollen lernen, wenn man sie lässt. Sie suchen sich zum für sie passenden Zeitpunkt die passenden Lernbedingungen. Wenn man seine Kinder achtsam beobachtet, wird das deutlich. Nichts wird zufällig gespielt. Sie suchen sich genau das aus, was sie zu diesem Entwicklungszeitpunkt erfahren und begreifen wollen. Alles hat seinen Sinn.
Was können Eltern konkret machen, um solche Lernbedingungen zu schaffen?
Adler-Schäfer: Bietet man einem Kind ausreichend Gelegenheit, sich zu bewegen, zu spielen und seinem Bedürfnis nach Sozialkontakten und Ruhe zu folgen, haben Eltern bereits eine wichtige Grundlage für eine gesunde Entwicklung gelegt.
Müssen Eltern dafür auch an sich arbeiten?.
Adler-Schäfer: Sie sollten vor allem wieder zu sich selbst finden, mehr Spontaneität mitbringen und ihrer Intuition folgen. Es gehört viel Mut, Vertrauen und Übung dazu, seinem Kind die Zeit einzuräumen, die es für seine Entwicklung braucht.
Können zu viele Kurse auch Schaden anrichten?
Adler-Schäfer: Durchaus. Ich erlebe in meiner Praxis zunehmend, dass Kinder keine Zeit mehr zum Spielen haben. Es gibt auch psychosomatische Konsequenzen. Kopfschmerzen etwa haben enorm zugenommen, selbst Kindergartenkinder leiden schon darunter, weil sie unter starkem Druck stehen. Schüler entwickeln mitunter ein negatives Selbstkonzept, fühlen sich als Versager. Kinder dürfen heute immer weniger Kind sein, was sehr traurig ist.
26. Januar 2010
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