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Eltern: Buchautorin Claudia Haarmann erklärt, warum die Beziehung zwischen Mutter und Tochter so oft problematisch ist

"Mutter, das ist meine Sache"

Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein

Mannheim. Sie lieben sich, und sie hassen sich. Mutter-Tochter-Beziehungen sind häufig problematisch. Claudia Haarmann, Psychotherapeutin und Autorin des Buches "Mütter sind auch Menschen", erklärt im Interview das Phänomen.

Warum ist die Beziehung zwischen Mutter und Tochter oft so konfliktreich?

Claudia Haarmann: Weil sie sich so ähnlich sind. Sie haben das gleiche Geschlecht, in wesentlichen Punkten kennen sie sich. Und für die Tochter ist die Mutter in den ersten Jahren wichtigste Identifikationsfigur und Vorbild.

Wie lange hält das an?

Haarmann: Meist wird die Tochter in der Pubertät die Mutter vom Sockel stoßen. Sie stellt sich dann die Frage: Wer bin ich eigentlich ohne sie? Und dann kommen weitere Fragen, in der Pubertät und manchmal auch erst später: Warum hat sie nicht dies oder das anders gemacht? Warum redet Sie mir immer rein? Warum ruft sie jeden Tag an? Oder - das andere Extrem: Warum ruft sie nie an?

Läuft das immer so? Gibt es keine gesunden Mutter-Tochter-Beziehungen?

Haarmann: Doch, doch. Immer dann, wenn es der Mutter gelungen ist, eine sichere Bindung zwischen ihrem Kind - und das gilt auch für Söhne - und sich aufzubauen. Die Mutter ist dann so etwas wie ein sicherer Hafen, wo die Kinder das Gefühl haben, dort wird alles wieder gut, dort können sie auftanken, und von dort können sie auch wieder weg, um die Welt zu erkunden. Aber leider ist das sehr selten so.

Sind Mutter-Sohn-Beziehungen einfacher?

Haarmann: Mutter-Sohn-Beziehungen sind auch häufig schwierig, vor allem, wenn die Väter oft abwesend waren. Aber die Konflikte zwischen Mutter und Tochter sind anderer Art, eben weil sie sich so nah und auch so ähnlich sind.

Können aus Mutter und Tochter beste Freundinnen werden?

Haarmann: Das halte ich für fatal. Die Tochter braucht die Mutter als Ältere, als Hafen. Wenn Mütter ihre Töchter zu Freundinnen machen, fragt man sich: Was braucht diese Frau? Hat sie keine eigenen Freundinnen? Es tut den Töchtern auch gar nicht gut, wenn Mütter Intimitäten mit ihnen teilen oder etwa von Konflikten mit dem Vater berichten.

Was, wenn sich die Mutter ständig in die Angelegenheiten der Tochter einmischt?

Haarmann: Dann sollte die Tochter ihr klare Grenzen setzen, zum Beispiel sagen: "Mutter, bei aller Liebe, das ist meine Sache."

Die meisten Frauen wollen nur das Beste für ihre Kinder. Warum scheitern sie so oft?

Haarmann: Meistens, weil auch sie nicht das Beste von ihrer Mutter bekommen haben.

Aber ist Mutterliebe nicht angeboren?

Haarmann: Es ist sicher angeboren, dass Frauen alles tun, damit ihr Kind am Leben bleibt. Aber das, was wir unter mütterlicher Liebe und mütterlichem Verhalten verstehen, das ist nicht angeboren. Das haben wir schon als Babys durch unsere eigenen Mütter gelernt, wie die Bindungsforschung und die Neurobiologie zeigen. Das Verhalten der Mütter hinterlässt bei Babys und Kindern im Gehirn Spuren und Bindungsmuster, die später wiederholt werden.

Was ist die ursprüngliche Ursache für das "unmütterliche Verhalten"?

Haarmann: Da kann es unterschiedliche Gründe geben. Aber die Kriegsjahre haben sicher viele Frauen so traumatisiert, dass es ihnen später schwer war, ihren Kindern das zu geben, was sie brauchten.

Und als die Töchter selbst Mütter wurden...

Haarmann: ... konnten sie sich ebenfalls nicht richtig verhalten, sie hatten es ja nicht gelernt.

Klingt nach einem schlimmen Teufelskreis. Lässt sich der nicht durchbrechen?

Haarmann: Doch, wenn eine Frau merkt, sie kann nicht richtig mit ihrem Baby umgehen, es schreit viel, dann kann sie auch professionelle Hilfe suchen und zum Beispiel eine Hebamme nach Kontaktadressen fragen.

Lässt sich die Beziehung noch retten, wenn die Tochter bereits älter oder gar erwachsen ist?

Haarmann: Es ist ganz wichtig, dass die Mutter ihrer Tochter erlaubt so zu werden und zu sein wie sie ist und dies auch respektiert.

Und was kann die Tochter machen, wenn sie das Verhältnis zur Mutter verbessern will?

Haarmann: Sie sollte versuchen, sich in die Mutter hineinzuversetzen, sich fragen: Wie ist es meiner Mutter als Kind ergangen? Welche Träume hatte sie? Welche Höhen und Tiefen hat sie erlebt? Dann zeigt sich oft ganz schnell, dass die Mutter zwar Fehler gemacht hat, aber dass es eine Ursache dafür gibt. Kein Mensch wird einfach so schwierig, kalt, abweisend oder erdrückend wie eine Glucke, so wird man aus innerer Not.

Kann sich denn ein Verhältnis, das jahrelang schlecht war, wieder bessern?

Haarmann: Unbedingt. Das erlebe ich ständig.

17. November 2009

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