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Bewegung: Studien zufolge ist die motorische Leistungsfähigkeit deutlich gesunken / Zu wenig Bewegung als Ursache

Kindern fehlt es an Körpergefühl

Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein

Mannheim. Schon am Morgen geht es los. Als sich Simon, fünf Jahre, beim Frühstück Milch einschenken will, kippt seine Tasse um. Etwas später, im Kindergarten, macht er sich in der Bauecke unbeliebt, weil er aus Versehen an den großen Turm stößt und das Kunstwerk zum Einsturz bringt. Als er zur Abholzeit freudig seiner Mutter entgegenrennt, stolpert der Junge und schlägt sich die Lippe blutig.

Kinder wie Simon sind kein Einzelfall. Immer mehr Jungen und Mädchen fehlt es Untersuchungen zufolge an Körpergefühl. "Die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern ist in den vergangenen Jahren um zehn Prozent gesunken", sagt Reinhardt Liebisch, Sportwissenschaftler bei der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e.V. in Wiesbaden. Schuleingangsuntersuchungen zeigen, dass jedes zehnte Kindergartenkind große Defizite in der motorischen Entwicklung hat, unter Koordinations- und Konzentrationsstörungen leidet. Jungen häufiger als Mädchen.

Die Experten sprechen mittlerweile vom "Stubenhocker-Syndrom", denn für die motorischen Probleme ist vor allem eines verantwortlich: Bewegungsmangel. "Zwar waren noch nie so viele Kinder in Sportvereinen angemeldet wie heute", sagt Liebisch, doch dafür werde der Alltag immer bewegungsärmer. "Die Kinder spielen nicht mehr so oft im Freien, sitzen viel vor dem Computer und dem Fernseher."

Und, wie Renate Zimmer, Professorin für Sportpädagogik an der Uni Osnabrück weiß: "Die Überbehütung durch Eltern ist ein Problem." Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Kinder nicht mehr genügend Freiräume und wenig aktive Herausforderung hätten.

Das trifft auch auf Simons Alltag zu. An seinen Schuhen sind Klettverschlüsse, der Fünfjährige kann keine Schleife binden, was noch vor einer Generation eine Selbstverständlichkeit war. Beim Anziehen helfen ihm die Eltern. Der Vater fährt ihn auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto in den Kindergarten. Und wenn sich der Junge doch mal aufs Klettergerüst des Spielplatzes wagt, hagelt es Warnungen vonseiten der Eltern: "Vorsicht Simon, nicht so hoch, nicht dass du runterfällst."

Die Beratungsstelle für Kindesentwicklung im Förderverein Psychomotorik Bonn rät Eltern, so häufig wie möglich mit ihren Kindern nach draußen zu gehen und selbst in Sachen Bewegung ein gutes Vorbild zu sein. Auch in der Wohnung müsse Toben in gewissem Rahmen möglich sein. Und Eltern sollten ihrem Kind Dinge zutrauen, die noch oft misslingen, etwa das Glas selbst einzuschenken oder ein Tablett zu tragen. Auch wenn das hin und wieder schiefgehe.

Mehr Bewegung im Alltag macht die Kinder nicht nur motorisch fit. Körperliche Aktivität steigert außerdem die kognitive Entwicklung von Mädchen und Jungen, betont Renate Zimmer. Die Autorin des Buches "Toben macht schlau" sagt: "Bewegung stärkt nicht nur den Körper, sondern auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und damit die Selbstständigkeit." Auch die Fähigkeit, Probleme zu lösen, werde durch Bewegung gestärkt. Um sich gesund zu entwickeln, bräuchten Kinder daher die Chance, sich täglich zu bewegen.

Doch die von Experten oft empfohlenen 60 Minuten intensive Bewegung am Tag erreicht in Deutschland nur ein Bruchteil der Kinder. In der Gruppe der vier- bis 17-jährigen Mädchen sind es nur 20 Prozent, bei gleichaltrigen Jungen bewegt sich jeder Dritte (30 Prozent) ausreichend. Simon gehört (noch) nicht dazu.

30. Juni 2009

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