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Literatur: Interview mit Gabriele Hoffmann aus Heidelberg, einer der bekanntesten Kinderbuchhändlerinnen Deutschlands

"Es ist selten zu früh fürs Lesen"

Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein

Heidelberg. Alle Kinder können sich fürs Lesen begeistern. Davon ist Gabriele Hoffmann, Inhaberin von "Leanders Leseladen" in Heidelberg, der größten Kinderbuchhandlung in Deutschland, überzeugt.

Frau Hoffmann, Sie kritisieren, dass es zu viele schlechte Kinderbücher gibt.

Hoffmann: Das Problem ist, dass heutige Autoren von Kinderbüchern oft junge Künstler sind. Viele wollen sich vor allem selbst verwirklichen. Sie schreiben nicht mehr, wie ein Otfried Preußler, aus ihren Alltagserfahrungen mit kindlichen Lernprozessen. Deshalb sind die neuen Bücher oft oberflächliche Unterhaltung. Damit hängt unsere aktuelle Bildungsmisere zusammen.

Weil Bildung mit Kinderbüchern beginnt?

Hoffmann: Ja, Denken und Sprechen sind miteinander verknüpft. Wir können nur komplex denken, wenn wir über eine komplexe Sprachkompetenz verfügen, das heißt wir müssen auch grammatikalische Konstruktionen beherrschen. Auch für die Mathematik brauchen wir Sprachvermögen, und wer später zum Beispiel als Architekt Räume gestalten oder als Ingenieur Maschinen bauen will, muss Vorstellungen entwerfen, und das geht nicht ohne Sprache. Dafür brauchen wir Bücher.

Haben Kinder heute mehr Probleme mit Sprache als früher?

Hoffmann: Etwa 70 Prozent der Kinder haben heute Sprachentwicklungsstörungen. Früher kannte jede Mutter Reime, Gedichte und Lieder, die das übernommen haben. Kennen Sie noch "Auf einem Baum ein Kuckuck saß"? Das endet auf "Sim-sa-la-dim, bam-ba, sa-la-du, sa-la-dim". Da wurden zum Beispiel die S-Laute lustvoll trainiert.

Wie lassen sich Kinder für Bücher begeistern?

Hoffmann: Wichtig ist, die Lesefreude zu erhalten. Kinder kommen lesefähig auf die Welt, nach drei Tagen können sie die Milch ihrer Mutter erkennen. Das ist eine Form von Lesen, nämlich die Bedeutung von Zeichen entschlüsseln zu können.

Lesen in den Windeln?

Hoffmann: Ja, natürlich! Nehmen Sie beispielsweise das Bilderbuch "Erste Bilder - erste Wörter". Ein Kind wird sich die Illustrationen ansehen, und noch bevor es sprechen kann, will es zeigen, was es gelesen hat - per Körpersprache. Zum Beispiel die Seite mit dem Obst. Viele Kinder krabbeln zum Obstkorb, holen die Banane oder eine Orange, präsentieren überglücklich und triumphierend, dass sie richtig lesen können. Das berichten Eltern immer wieder.

Wie sieht es mit älteren Kindern aus oder Kindern, die zu Hause keinen Zugang zu Büchern haben?

Hoffmann: Es ist selten zu früh und nie zu spät, um mit dem Lesen zu beginnen. Jeder Mensch kann begeistert werden. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Erzieher und Lehrer wissen, mit welchen Büchern sie Kinder gewinnen können.

Wie könnte man bildungsferne Familien zum Lesen animieren?

Hoffmann: Mein Wunsch wäre, dass man Sponsoren findet, die Kurse für Eltern, Erzieher und Lehrer finanzieren. Kurse, in denen nicht irgendetwas vorgelesen wird, sondern in denen die Teilnehmer erfahren, wie viel Vergnügen es macht, mit Kindern die Welt zu entdecken.

Wie finden Eltern in der Menge an Neuerscheinungen gute Bücher?

Hoffmann: Nicht immer ist das Neue das Beste. Kinder brauchen Bücher, die für sie lesbar sind. Man sollte also zu bewährten Klassikern greifen. Außerdem sollten Eltern Bibliotheken nutzen oder sich in guten Buchhandlungen beraten lassen. Kinder brauchen keine eigene Bibliothek, aber sie brauchen ein paar eigene Bücher - die besten, über die sie jederzeit verfügen können.

Was macht ein gutes Buch aus?

Hoffmann: Das kann individuell sehr unterschiedlich sein. Kinderbücher sollten sich als Begleiter in der Entwicklung eines Kindes beweisen.

Und?

Hoffmann: Zum Lesen gehört immer ein Leser, der mitfühlt, miterlebt. Das lernt man Schritt für Schritt in der Begleitung eines vertrauten Vorlesers. Wenn es dann gelingt, so richtig einzutauchen, dann haben wir ein gutes Buch vor uns. Allerdings ist es wichtig, dass die Autoren wissen, was die Helden ertragen können, denn schließlich leiden die lesenden Kinder mit ihnen mit.

Im Märchen passiert das auch.

Hoffmann: Ja, aber im Märchen gibt es immer Hilfe. Selbst Aschenputtel ist nicht allein, die Mutter ist bei ihr, in der Figur des rettenden Baumes. Am Ende wird das Böse bestraft und das Gute belohnt. Das ist sehr wichtig, denn Kinder haben einen starken Sinn für Gerechtigkeit, und nicht sie, sondern die Erwachsenen müssen die Welt gerecht gestalten.

10. März 2009

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