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Premiere: Ramin Anaraki inszeniert Sophokles’ Tragödie „Antigone“ im Würzburger Mainfranken Theater / Publikum spendete reichlich Beifall

Wo Recht zu Unrecht erklärt wird

Szenenfoto aus "Antigone" mit Helene Blechinger, Bastian Beyer und Cedric von Borries.

© Nik Schölzel

Das Mainfranken Theater Würzburg präsentiert im Großen Haus in der Übersetzung von Dietrich Ebener die etwa 442 vor Christus von Sophokles verfasste Tragödie "Antigone". Nach "Der Bus" von Lukas Bärfuss" ist es die zweite Regiearbeit von Ramin Anaraki in der Universitätsstadt. Das Bühnenbild mit einem archaischen Halbkreis von Gerüstelementen vor dem leuchtenden, scheinbar übermächtigen Königspalast von Theben und die eine zeitlose Aktualität suggerierenden, viele Modestile zitierenden Kostüme stammen von Dominik Steinmann.

Gewissen und Gehorsam

Die Geschichte der Tochter des Ödipus, deren Brüder Eteokles und Polyneikes sich im Kampf um die Stadt Theben gegenseitig töten, thematisiert den Konflikt zwischen Gewissen und Gehorsam.

Die Handlung setzt ein, nachdem Kreon als nächster Verwandter der bisherigen Könige den Thron bestiegen hat. Als Verteidiger der Stadt lässt Kreon seinen Neffen Eteokles in allen Ehren bestatten, während er den Leichnam des Angreifers Polyneikes vor den Toren der Stadt den Vögeln zum Fraß vorwerfen lässt. Eine Gruppe von Wächtern sichert die Einhaltung dieses mit der Todesstrafe bewehrten Gesetzes.

Weil Kreon dem Verstorbenen damit den Einzug ins Totenreich verwehrt, widersetzt sich Antigone und beruft sich auf ein göttliches Gebot, dass ihr sittengemäß die ordentliche Bestattung des Bruders zur Pflicht macht. Vergeblich versucht ihre Schwester Ismene noch, Antigone von ihrem folgenreichen Vorhaben abzubringen.

Als man Polyneikes am Morgen mit Erde und Staub bedeckt findet, graben ihn die Wächter wieder aus, doch Antigone wiederholt demonstrativ die Bestattung, was Kreon sogleich zugetragen wird. Abschreckung und Vergeltung ist für diesen das Gebot der Stunde. Er verurteilt Antigone nicht nur zum Tode, sondern lässt sie bei lebendigem Leibe in ein Felsengrab einmauern.

Selbst sein Sohn Haimon, der mit Antigone verlobt ist, vermag Kreon nicht umzustimmen. Erst der blinde Seher Teiresias bringt den König zur Besinnung, als er und der Chor ihm den Zorn der Götter und entsetzliches Unheil prophezeit. Kreon eilt zur Richtstätte, doch seine Begnadigung kommt zu spät. Antigone hat sich erhängt und Haimon nimmt sich nach einem vergeblichen Versuch, den Vater zu töten, das Leben. Die Würzburger Inszenierung verzichtet auf die Nebenrolle der Eurydike, die im Schmerz über den Tod ihres Sohnes den Gemahl als Mörder verflucht und Selbstmord begeht.

Maßlose Verblendung

"Nur wer als Freund sich unseres Staats bewährt, ist im Leben wie im Tode hoher Ehren wert", ist in großen Lettern auf dem Plakat zu lesen, dass als Kernaussage des ewig aktuellen Konfliktes zwischen neuer und alter Ordnung für den Wandel wirbt. Angebracht ist es vor der Fassade des im Auf- oder Umbau befindlichen, noch unsichtbaren Palastes, der sich mit Gerüsten und durchsichtigen Vorhängen von der mythischen Vorzeit abgrenzt.

Dort vollzieht sich, von Nebelschwaben umwabert und mit unheilvollen Trommelrhythmen verstärkt, der tödliche Kampf der Brüder. Starke Eingangsbilder, die in die Enthüllung des fertiggestellten Palastes durch den maßlos verblendeten Machtmenschen Kreon münden. Doch die hellgrün leuchtende Fassade schwebt über Gerüsten in der Luft; es fehlt der solide Unterbau, wie es das eherne Gesetz der Götter war.

Die Würzburger Inszenierung ist keine Aufführung voller szenischer Überraschungen; gelegentlich wirkt die Choreografie reichlich bemüht, wenn etwa der tote Eteokles mehrfach von den Wächtern an den Schultern gepackt im Kreise geschleift wird.

Überzeugend dagegen wirken die ständigen Blicke des innerlich unsicheren Bauherrn Kreon auf die Fassaden des entstehenden Prunkpalastes; so als ob er sich vergewissern muss, dass die Macht im neuen Staat tatsächlich in seinen Händen liegt.

Unvermittelte Wandlung der Charaktere

Im Mittelpunkt der Inszenierung stehen die Konflikte von Kreon und Antigone, Kreon und Haimon, Antigone und Ismene, in denen alle Gedanken um die Frage kreisen, wem man sich verpflichtet fühlt, dem eigenen Gewissen oder dem Gesetz. "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht" ist ein Bertold Brecht - vermutlich fälschlicherweise - zugeschriebenes Zitat; eher müsste es heißen: "Wo Recht zu Unrecht erklärt wird...".

Und dagegen wehrt sich Antigone, fesselnd verkörpert von Helene Blechinger, mit allen Fasern ihres Herzens im Namen von Menschlichkeit, Geschwisterliebe und religiöser Pflicht gegen einen Tyrannen aufbegehrt. Georg Zeies zeichnet einen eher unsicheren, wenig souverän auftretenden Herrscher, der seine mühevoll errungene Machtposition nicht durch nachgiebiges Verhalten aufs Spiel setzen will. Spürbar wird das Anliegen, jeden Versuch eines weiteren Umsturzversuchs im Keine zu ersticken.

Eine Schwäche des Stücks ist die unvermittelt eintretende Wandlung der Gesinnung von Kreon und Haimon. Macht die von Eberhard Peiker verstörend-eindrucksvolle Beschwörung des Sehers, sich nicht gegen göttliches Recht zu erheben, Kreons plötzliche Wandlung der Gesinnung noch nachvollziehbar, ist dies bei Antigones Verlobten Haimon (Bastian Beyer) schwerer verständlich. Dieser gibt sich folgsam und wagt nur zögerlich, Kreon zu widersprechen, um sich dann unvermittelt zu schweren Anklagen und offenen Aufruhr gegen den Herrscher aufzuschwingen. Dennoch ist es eine Stärke dieser Aufführung, diesem vom Auto vorgegebenen Wandel der Charaktere auch bei Antigone, die im Angesicht des drohenden Todes in Klagen ausbricht, oder auch bei Ismene (Miriam Morgenstern) nicht auszuweichen. Ismene verweigert sich "staatstragend" ihrer Schwester, um dann nach der Tat ihren Anteil an der Schuld geradezu einzufordern.

Das Premierenpublikum im nicht ganz gefüllten Saal zeigte sich beeindruckt und spendete Schauspielern und Regieteam gleichermaßen reichlich Beifall. Felix Röttger

© Fränkische Nachrichten, Donnerstag, 16.02.2017
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