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„Le Nozze di Figaro“ in Heilbronn: Theater Augsburg gastierte mit der Mozart-Oper in der Regie von Jan Philipp Gloger im Haus am Berliner Platz

Intelligent inszeniert und musikalisch überzeugend

Archiv-Artikel vom Montag, den 02.04.2012

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Strein

Neue Freuden, neue Schmerzen: Susanna (Cathrin Lange) mit dem Text von Cherubinos Arie.

© A.T Schaefer

In diesem hässlichen Raum will Figaro seinen Hausstand mit Susanna etablieren, hier will er sein Ehebett aufstellen? Im Kellerraum eines Hotels, wo der Fallschacht für die Wäsche endet, den das Küchenpersonal auf dem Weg in die Speisekammer durchqueren muss, wo oben Lüftungsgitter eingebaut sind und rechts ein Regenwasser-Fallrohr durch läuft. Und was für ein Ehebett: Ein Klappbett, das er gerade vom Sperrmüll geholt zu haben scheint.

In Jan Philipp Glogers Inszenierung von Mozarts "Le nozze di Figaro", mit dem das Theater Augsburg zur Zeit in Heilbronn gastiert, wurden Beaumarchais' Herren und Bediente durch die Hierarchie eines großen Hotelbetriebs abgelöst, aber die Intrigen, die Liebes-Irrungen und -Wirrungen und die Proteste gegen Ungerechtigkeiten sind die gleichen geblieben.

Mobbingfreie Zonen

Rüsteten sich in Beaumarchais' "Tollem Tag" - der Vorlage für das Libretto von Lorenzo Da Ponte - die Bürger für die Revolution, so demonstrieren sie hier immerhin noch mit Plakaten mit der Aufschrift "Nein heißt Nein" oder "Keine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" für mobbingfreie Zonen - was offenbar dem Hotelier Almaviva gilt, wenn der auch, keiner Schuld bewusst, heftig nickend zustimmt.

Reichlich zweihundert Jahre zwischen der Entstehung von Mozarts Opera buffa und der Interpretation auf der heutigen Theaterbühne machen kaum einen Unterschied: Nach wie vor gibt es hormongesteuerte Männer, immer auf der Suche nach einem Abenteuer, und frustrierte Ehefrauen, die Trost bei einem gerade der Adoleszenz entwachsenden Knaben suchen; nach wie vor geldgierige Männer (und Frauen) und pfiffige Angestellte. Das "ius primae noctis" ist zwar schon lange weggefallen - die Macht des Geldes und der beruflichen und gesellschaftlichen Stellung - und ihr Missbrauch - sind jedoch gleich geblieben.

Aber Da Ponte hat natürlich kein Sozialdrama geschrieben, sondern ein spritzige Komödie - und Mozart versteckte die Kritik an den Zuständen in seiner Musik, die sich ironisch mit den Macken seiner Personen auseinandersetzt. Spritzig ist auch die Umsetzung bei Gloger: Da purzelt Figaro schon mal aus dem Wäscheschacht und der Gärtner Antonio taucht als ölverschmierter Klempner aus dem Heizungskeller auf, durch den Cherubino sich gerade davon gemacht hat; da artet das Hochzeitsfest von Figaro und Susanna zum Chaos aus und im Schutz der Dunkelheit bilden sich ganz eigenartige Pärchen.

Und immer mal wieder kreuzt ein Obstlieferant, ein Koch oder die türkische Putzfrau die Bühne, wo gerade die intimsten Dinge verhandelt werden. Hier findet alles in der Öffentlichkeit statt, daraus zieht die Inszenierung ihren Reiz

Die Fäden des Geschehens hält weniger Figaro als Susanna, das patente Zimmermädchen, zusammen. Sie weiß was sie will - und der Zuschauer ahnt, dass sie viel lieber Cherubino, den liebenswerten Feigling und Faulenzer nehmen würde, als den etwas hölzernen Figaro.

Die Macht der Musik

Cherubino, der so wunderbar gefühlvoll singt: Als er "Voi que sapete" anstimmt, öffnen sich leise die Türen und Marzellina, Barberina, Baislio und Doktor Bartolo hören verzaubert zu. Und Susanna umwickelt sich mit dem Papierstreifen auf dem der Text von Cherubinos Arie "Non so più cosa son, cosa faccio" geschrieben ist. Es gibt sie also doch, die Macht der Musik.

Am Ende des tollen Tages hat der Graf zur Gräfin zurückgefunden, Susanne zu Figaro, Bartolo zu Marzellina und Chrubino zu Barberina, sie zerreißen den Streifen mit Cherubinos Arie und alles ist wieder in seine richtige Ordnung gekommen. Wirklich?

So wie der Regisseur mit leichter Hand durch die labyrinthischen Liebes-Abenteuer von Da Pontes Libretto leitet, so führt die Dirigentin Carolin Nordmeyer das Philharmonische Orchester Augsburg schwungvoll, schlank und mit rhythmischen Akzentuierungen durch Mozarts Partitur.

Gesungen wurde durchweg auf hohem Niveau: Cathrin Lange als Susanna und Stephanie Hampl als Cherubino ragten aus dem immerhin ein Dutzend Solisten umfassenden Personal heraus.

Das Theater Heilbronn hat sich mit der Augsburger Inszenierung eine intelligent gemachte und musikalisch überzeugende Oper ans Haus geholt.

© Fränkische Nachrichten, Montag, 02.04.2012
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