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Premiere: Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren Verdis „Rigoletto“ in Stuttgart

Illusion und Wirklichkeit

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 30.06.2015

Wenn man Opern-Inszenierungen in unseren Tagen betrachtet, vor allem die sogenannten spektakulären, dann scheint es, als würden sich die zwei Begriffe "modern" und "stimmend" ausschließen. Dass es aber zum Glück noch immer positive Ausnahmen von dieser negativen Regel gibt, das beweisen der Stuttgarter Opernintendant Jossi Wieler und sein Chefdramaturg Sergio Morabito mit ihrer Inszenierung von Giuseppe Verdis "Rigoletto" in der Staatsoper.

Das Geheimnis des Erfolgs, das gar keines ist, sondern im Grund selbstverständlich sein sollte, lüftete schon vor Jahren Thomas Hengelbrock, der musikalische Leiter einer von Philippe Arlaud inszenierten Aufführung dieser Oper im Festspielhaus Baden-Baden, mit dem Bekenntnis: "Ich bin mir mit Philippe Arlaud völlig einig, dass 'Rigoletto' eine Geschichte ist, die man nicht benutzen darf, um vollkommen andere, dem Stoff nicht innewohnende politische oder gesellschaftliche Intentionen überzustülpen,"

Weder "Mantua und Umgebung, im 16. Jahrhundert", wie die Orts- und Zeitbezeichnungen für das Melodrama lauten, noch der französische Königshof zu jener Zeit sind Vorbilder für die Stuttgarter Aufführung. Vielmehr ist der Rahmen im Grund zeitlos und doch spiegelt das Geschehen den Geist des Absolutismus wider. Und bei allem Tribut, den die Inszenierung Verdis Verismo zollt, ist das Ganze doch großes Theater vor einem realistischen Hintergrund.

Das zeigt sich besonders beim Bühnenbild von Bert Neumann. Da sieht man zunächst silberfarbene Stühle vor einem Samtvorhang, sozusagen das höfische Milieu symbolisierend, und danach auf einer Drehbühne an der Realität orientierte Aufbauten, Straßenschluchten, Rigolettos Haus und Sparafuciles Behausung. Das alles aber nicht nur von vorne, sondern auch von hinten, als Potemkinsche Bauten, von zwei Seiten. Dadurch wird das theatralische Moment des Ganzen unterstrichen, aber nicht übertrieben, sondern lediglich verdeutlicht. Wie auch in der von Rot in Grau wechselnden Zeichnung des Himmels bei dem von Donnergrollen unterstrichenen, von Blitzen durchzuckten Gewitter im vierten Akt.

Dieses Gleichgewicht zwischen Illusionen und Wirklichkeit halten Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer ganzen Inszenierung, in der Theatralisches, wie etwa das Hervorkriechen der betrunkenen Höflinge unter dem Samtvorhang oder der von der Mittelloge aus geschleuderte Fluch Monterones, und Realistisches, und das besonders bei der musikdramatischen Führung und Charakterisierung der Rollen, zu ihrem Recht kommen.

Mit einer stimmlich wie darstellerisch gleichermaßen kongenialen Interpretation, in der Rigolettos zwiespältiger Charakter transparent wird, wartet der über einen ebenso kraftvollen wie ausdrucksstarken Bariton gebietende Markus Marquardt in der Titelrolle auf. Mit strahlendem Tenor umgarnt der Brasilianer Atalla Ayan nicht nur Rigolettos Tochter, sondern betört auch andere Frauen. Mit einem geradezu zarten, lyrischen Koloratursopran stattet die eher burschikos kostümierte Madzedonierin Ana Durlovski die Gilda aus.

Mit dräuendem Bass bringt Roland Bracht als Graf von Monterone den Fluch und damit den ursprünglichen Wunschtitel Verdis für diese Oper eindrucksvoll zur Geltung. Liang Li leiht seinen tiefschwarzen Bass dem gedungenen Mörder Sparafucile. Die Mezzosopranistin Anaik Morel steht ihm mit ihren Verführungskünsten zur Seite und für den Herzog in Liebesdiensten zur Verfügung. Salopp in der äußeren Erscheinung ist die Mezzosopranistin Carmen Mammoser als Amme um das Wohl und Wehe Gildas besorgt.

Stuttgarts französischer Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling bringt mit dem Staatsorchester ebenso einfühlsam wie ausdrucksvoll die schroffen Gegensätze zum Klingen, von denen die Komposition lebt, das Dunkle und das Dämonische, die warme und blutvolle Melodik, das Brio und die Grazie. Der Staatsopernchor Stuttgart, einstudiert von Johannes Knecht, trägt nicht unwesentlich zum umjubelten Erfolg dieser "Rigoletto"-Aufführung bei. Dieter Schnabel

© Fränkische Nachrichten, Dienstag, 30.06.2015