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Projekt „Musiktheater im Jugendknast“: Viel Beifall für drei beeindruckende Aufführungen der „Bürgschaft“ in einer Neubearbeitung

Das Kind hat laufen gelernt

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 18.11.2015

Von unserem Redaktionsmitglied Sabine Braun

Der eigene Vater veranlasst die Tochter, zur Selbstmordattentäterin zu werden. Chris X überzeugte in der "Bürgschaft" des Musiktheaterprojekts "Apollo 18!" in einer Doppel-rolle als Tyrann Dionysios und als Vater. Lisa Böhm sang die Anna.

© Braun

In mehrfacher Hinsicht ist das Projekt "Apollo 18! - Musiktheater im Jugendknast", eine Kooperation von Justizvollzugsanstalt Adelsheim (JVA) und Landesjugendorchester, mit der aktuellen Produktion über sich hinaus gewachsen: Die "Bürgschaft" nach Franz Schubert vereinte fast 80 Mitwirkende, so viele wie keine Aufführung zuvor. Erstmals waren drei ausgebildete Sänger dabei, erstmals wurde ein erarbeitetes Werk außerhalb der Anstalt vor großem Publikum gezeigt - gut 1000 Zuschauer sahen das beeindruckende Gemeinschaftswerk. Für Autorin und Regisseurin Paula Fünfeck war das eine "extreme Erfahrung". "Apollo 18!" habe ein neues Niveau erreicht: "Das Kind lernt laufen".

Gefördert wurde das Projekt vom Innovationsfonds Kunst des Landes Baden-Württemberg.

Zunächst als Uraufführung und Vorpremiere in der JVA zeigten zwölf junge Häftlinge, 25 Musiker des Landesjugendorchesters, Sänger der Musikschule Möckmühl und ausgebildete Solisten das von Dirigentin Anna-Sophie Brüning und Paula Fünfeck musikalisch ergänzte und textlich neu gestaltete Schubertsche Opernfragment. Am Samstag folgte die Premiere in der Jagsttalhalle Möckmühl, am Sonntag eine Aufführung im Theater Baden-Baden.

Begeistert applaudierte das Publikum den jungen Gefangenen und Musikern. Der Beifall galt der großen Spielfreude und dem Talent der Akteure aus dem "Knast", aber auch der Leistung der jungen Profis: Lisa Böhm, Musikhochschule Stuttgart, sang die Rolle der Anna einfühlsam und mit warmem Timbre. Glaubwürdig verlieh der koreanische Bariton Jongwook Jeon, ebenfalls von der Hochschule Stuttgart und jüngst in Heilbronn in "Cosi fan tutte" zu sehen, dem vertrauenden Freund und später verzweifelt seiner Hinrichtung entgegensehenden Bürgen Kostas seine Stimme. Den nachdenklichen, nach dem Mord an seiner Freundin zum Tyrannenmörder werdenden Damon verkörperte Bariton Simon Stricker, den man demnächst auch an der Oper Stuttgart in "Salome" erleben kann. Mit reifer, starker Stimme und überzeugendem Spiel riss der Student der Opernschule Stuttgart das Publikum mit. Im Kontrast zu den ausgebildeten Stimmen faszinierte Chris X. aus den Reihen des JVA-Chors. Er sang und gestaltete die große Partie des Tyrannen Dionysios durchweg selbstbewusst, sicher und mit Bravour - und dazu in einer Doppelrolle noch die des Philostratos.

In Tanzeinlagen und witzigen Dialogen zeigten auch die anderen Gefangenen, was sie in den jeweils nur kurzen Probephasen erarbeitet hatten. Makellos harmonierten die JVA-Sänger mit denen von "draußen": dem stimmstarken Mädchen- und Kinderchor, zwei Mädchen in Solopartien und zwei Gesangsschülern unter der Leitung von Regine Böhm. In mächtigen Chorszenen verschmolzen sie zu einer gesanglichen Einheit, bei der niemand mehr unterscheiden konnte oder wollte, wer Häftling ist und wer nicht.

Dabei war größte Flexibilität gefordert. Bühnenbild und Regie mussten für jeden Auftritt neu konzipiert und in kürzester Zeit umgesetzt werden. In Adelsheim hatte der "Nachrichtensprecher" seine eigene Kabine, in Möckmühl aber musste er auf der Bühne agieren - mit neuen, humorvollen Effekten. Statt auf der Galerie wie in der JVA ließ Paula Fünfeck die Akteure in Möckmühl über die Zuschauerränge turnen.

Nicht zuletzt "schwankte" auch die Besetzung: Während der zurecht bejubelte Kinderchor nicht in die Anstalt hinein konnte, durften einige der Akteure aus der JVA nicht hinaus.

In Baden-Baden agierten und sangen die Choristen während der gesamten Spieldauer von Stühlen aus in einer ebenso schlichten wie pointierten Choreographie.

Ohne Probleme stellten sich die LJO-Musiker auf die Umsetzungen ein. Sie spielten Schuberts Musik mit Schönheit und Begeisterung.

Großen Eindruck hinterließ allgemein die nie auf einer Opernbühne gespielte, 1816 entstandene Musik mit überwältigenden Chören und dramatischen Solopartien. Der Opernversuch bricht mit der Hinrichtungsszene ab. In der Bearbeitung der beiden Musikerinnen schließt hier ein Teil aus Schuberts 1815 vertonter und für die Oper neu instrumentierter Ballade Schillers an - kein Bruch, sondern ein Übergang, der vom Publikum dieser "Welturaufführungen" als völlig schlüssig wahrgenommen wurde und die musikalische Parabel über die Freundschaft "rund" machte.

Hohe künstlerische Qualität

Nicola May, Intendantin des Theaters Baden-Baden, die aus Interesse am Innovativen des Projekts das Gastspiel ermöglicht hatte, sowie weitere Fachleute äußerten sich überrascht über die künstlerischen Qualitäten der Aufführungen.

Schon nach der "geschlossenen" Aufführung in der JVA hatte sich der "Gefangenenchor" an Anna-Sophie Brüning und Paula Fünfeck gewendet: "Danke, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, das Projekt mit uns einzustudieren" - ein besonderer Moment auch für die Zuschauer.

"Man kann darüber spekulieren, was es bei den jungen Männern auslöst, wenn ihnen über 200 Leute zujubeln", sagt Paula Fünfeck im Gespräch mit den FN. Die Hoffnung ist, dass sie in der Ensemblearbeit neue Seiten und Qualitäten an sich erleben. Sie freut sich besonders darüber, dass einer der Häftlinge in Möckmühl Gesangsunterricht nehmen möchte, wenn er demnächst "draußen" ist.

© Fränkische Nachrichten, Mittwoch, 18.11.2015
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