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Ukraine: Jewgenija Timoschenko will mit ihrem Einsatz gleichzeitig auf die Zustände in ihrer Heimat hinweisen

Im Kampf um die Freiheit ihrer Mutter

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 27.06.2012

Von unserer Korrespondentin Inna Hartwich

Jewgenija Timoschenko treibt die weltweite Kampagne zur Befreiung ihrer Mutter Julia unermüdlich voran.

© dpa

Moskau. Sie hatte ihre langen Haare nach hinten geschoben, sich sanft an die Schulter ihrer Mutter gelehnt. Dann flüsterte sie ihr etwas ins Ohr. Beide kicherten leise, die damals 31-jährige Jewgenija und die 50-jährige Julia. Mitten im Gerichtssaal, im Oktober 2011. Auf der Anklagebank in Kiew hörte Julia Timoschenko, die Kämpferin für die ukrainische Revolution in Orange, ihr Urteil: sieben Jahre Haft wegen Amtsmissbrauchs. Ihre Tochter blickte in diesem Moment ängstlich durch den Gerichtssaal, als suchte sie Schutz.

Mittlerweile ist die schüchterne Jewgenija Timoschenko längst zur ausdauernden Wortführerin avanciert, zur Politikerin wider Willen, die die weltweite Kampagne zur Befreiung ihrer Mutter unermüdlich vorantreibt. Sie war es, die die Medizinprofessoren aus Berlin in die Strafkolonie nach Charkow holte, wo sie Julia Timoschenkos schweres Rückenleiden feststellten. Sie ist es, die auch jetzt während der Fußball-EM immer wieder von der Demokratie in der Ukraine spricht - im Namen ihrer Mutter. Sie war schon in Straßburg. In Brüssel, Berlin und Kopenhagen. Sie sprach mit deutschen Justizministern in Wiesbaden, aber auch mit US-Senatoren in Washington. Gewohnt leise, aber deutlich.

"Julia" statt "Mama"

Sie kämpfe für die Gerechtigkeit, sagte sie, wolle die Aufmerksamkeit auf die Zustände in der Ukraine lenken, nicht nur auf die Zustände in der Strafkolonie ihrer Mutter. Mit Tabletten werde "Julia" ruhiggestellt, "Julia" breche zusammen, auf "Julia" werde Druck ausgeübt. Sie sagt nie "Mama", sondern nennt sie, wie all ihre Anhänger die frühere Ministerpräsidentin nennen.

Jewgenijas Appell klingt immer gleich: "Ich bitte Sie, alle Einflussmöglichkeiten zu nutzen, um der Regierung Janukowitsch zu erklären, dass sie mit einer solchen Behandlung das Image der Ukraine zerstört und Investoren abhält." - "Eine wunderbare Tochter, so mutig und ausdauernd", schreiben ukrainische Blogger. Andere mokieren sich: "Sie sollte lieber die Schulden ihrer Mutter begleichen und nicht heulend um die Welt gondeln."

Seit 2005 wohnt sie wieder in Kiew. Als 14-Jährige wurde Jewgenija, wie so viele aus dem postsowjetischen Geldadel, nach England geschickt, auf ein privates Mädcheninternat. Von Leibwächtern bewacht, blieb sie auf der Insel, machte später ihren Abschluss in Philosophie und Politik an der renommierten London School of Economics. Das Diplomarbeitsthema: Privatisierung ukrainischer Energieunternehmen. An die Öffentlichkeit wollte sie nie. Heute ist sie Hauptaktionärin beim Energieriesen "United Energy Systems Ukraine", jener skandalumwitterten Firma, die Julia Timoschenko bereits 2001 in Untersuchungshaft brachte, Besitzerin einer Modelagentur und von zwei Restaurants.

Jewgenija brachte bei der Rückkehr in die Ukraine ihren britischen Lebensgefährten mit, den Rockmusiker Sean Carr. Sie nahm seinen Namen an und tourte mit ihm durchs Land, um Wahlkampf für ihre Mutter zu betreiben. Mittlerweile hat sie den Ehering abgelegt und wieder ihren Mädchennamen angenommen. Viele sehen sie in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, im Herbst wählt die Ukraine ihr Parlament. Doch die 32-Jährige wehrt ab: "Ich bin keine Politikerin. Ich will nur, dass meine Mutter aus dem Gefängnis kommt."

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 27.06.2012
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