Kloster Maulbronn

Paradies und Höllentreppe

Maulbronn gilt als die am vollständigsten erhaltene Klosteranlage des Mittelalters nördlich der Alpen. Dass man die ehemalige Zisterzienserabtei noch als imposantes gotisches Bauwerk erleben kann, liegt an der Reformation.

Maulbronn.Machtvolle Buckelquader aus rotem Sandstein, ein niedriger Torbogen, die noch sichtbare Befestigung der einstigen Zugbrücke - wer den gotischen Torturm durchschreitet, denkt, er betritt eine andere, längst untergegangene Welt. Doch es ist eine Welt, in der sich die Epochen vermischen. Je nach Blickrichtung sieht man kickende Jungs, Autos und Gastronomie - oder beeindruckende, einzigartige Zeugnisse gotischer sowie romanischer Baukunst.

Rathaus, Apotheke, Notariat, Läden, Lokale, Polizeiposten - der Klosterhof von einst stellt heute den Mittelpunkt des 6400-Einwohner-Städtchens dar. Doch das stört den historischen Charakter des Gebäudeensembles mit seinen hübschen Fachwerkhäuschen von Kameralamt, Gesindehaus, Schmiede, Speisemeisterei oder Küferei nicht. Sie sind teils bewohnt oder werden sinnvoll genutzt, bewahren aber den Eindruck eines funktionierenden Klosterstädtchens, umgeben von Mauern und Türmen.

Unesco-Weltkulturerbe

Prägendes und höchstes Gebäude ist nicht die Kirche, sondern der Fruchtkasten. Der 45 mal 25 Meter große Speicher für landwirtschaftliche Erzeugnisse vom Anfang des 13. Jahrhunderts, 1580 umgebaut und aufgestockt, beweist sichtbar den einstigen Reichtum der Abtei. Heute dient er als Stadthalle.

"Nirgendwo sonst sind nicht nur das Kloster, sondern auch die gesamten Gebäude des Wirtschaftshofs, die Befestigungsmauer und die umgebende, von den Mönchen geprägte Kulturlandschaft in so geschlossener Form bewahrt", hebt Petra Pechacek, für Maulbronn zuständige Konservatorin der Staatlichen Schlösser und Gärten, hervor. Nicht ohne Grund hat die Unesco Maulbronn schon 1993 den Status als Weltkulturerbe zuerkannt - als erstes von heute vier Kulturdenkmalen in Baden-Württemberg.

Dabei liegt der Ursprung der Zisterzienserabtei gar nicht in Maulbronn. Zunächst gründen Anhänger des 1098 von den Benediktinern abgespaltenen Reformklosters Cîteaux bei Dijon 1138 auf dem Besitz von Ritter Walter von Lomersheim eine Ordensniederlassung in Eckenweiher, heute Teil von Mühlacker. "Aber die Böden waren karg, dort konnten sie nicht bleiben", so Pechacek.

Wo ein Maulesel aufstapfte

Der Legende nach haben dann - je nach Erzählung - Ritter von Lomersheim oder Mönche einen Maulesel einfach loslaufen lassen. An der Stelle des heutigen Klosters soll er stehengeblieben, mit dem Huf auf den Boden gestampft und so eine Wasserquelle zum Sprudeln gebracht haben - und tatsächlich verläuft, innerhalb der Klostermauern unterirdisch kanalisiert, hier die Salzach. Eher denkbar für den Ursprung der Namensgebung ist aber der historische Ortsname "Mulenbrunnen", der für die Lage an einer Quelle und einer Mühle spricht.

Wasser spielt jedenfalls eine wichtige Rolle im Kloster, und nicht ohne Grund gilt der dreischalige Brunnen im Brunnenhaus - wo ein Deckengemälde den legendären Maulesel ehrt - als Wahrzeichen des Klosters. Direkt davor steht ein weit ausladender, prachtvoller Magnolienbaum mit großen, rosa Blütenkelchen als wunderbarer Frühlingsbote mitten im Kreuzgarten. Den in dieser Form erst 1878 geschaffenen dreischaligen Brunnen hatte jeder schon mal in seiner Tasche: Er ist auf der Zwei-Euro-Münze zu sehen - genau wie das "Paradies".

"Gehen wir ins Paradies", so eröffnet Pechacek ihre Führung durch das Klosterareal. Die dreiteilige Kirchenvorhalle mit lichten Fenstern, gestaffelten Säulchen, weiten Rundbögen und Fresken-Resten trägt hier diesen Namen, und er wirkt keinesfalls übertrieben. Wo findet man sonst noch so gut erhaltene Bauten aus dem 12. und 13. Jahrhundert? "Es ist einer der schönsten Räume der Frühgotik, eines der ganz wenigen komplett im Original erhaltenen Werke mittelalterlicher Baukunst", betont Pechacek. Um 1220 wird die Entstehung datiert, Steine im Klausurgang stammen nachweislich gar von 1201. Nur den Architekten kennt man nicht - "Paradiesbaumeister" wird er daher, voller Respekt, lediglich genannt.

Einmalig auch das wuchtige Portal aus großen Tannenbrettern, mit Tierhäuten bespannt und schmiedeeisernen Ornamenten beschlagen. Mit dem Türflügel am Südportal der Klosterkirche, beide auf 1178 zurückgeführt, zählt das Hauptportal zu den ältesten (nach Jahresringen datierbaren) Türen Deutschlands.

Wer im Kapitelsaal steht, die Kreuzgänge mit dem Netzrippengewölbe durchmisst, Herren- und Laienrefektorium oder die kostbare Madonna aus Walnussholz mit Reliquienkammer (zwischen 1307 und 1317 entstanden) sieht, denkt fast, gleich würden wieder Mönche um die Ecke kommen. Sehr viel mittelalterliche Klosterarchitektur von der Romanik bis zur Spätgotik hat sich im Original erhalten. Nicht ohne Grund drehte hier Margarete von Trotta den Kinofilm "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen", spielen Teile von "Der Name der Rose" im Kloster Maulbronn.

Ihre Blütezeit erleben die Zisterzienser in Maulbronn unter Abt Albert von Ötisheim (reg. 1402-1428). Die Zahl der Mönche steigt sogar so an, dass die romanische Chorschranke versetzt und ein neues Chorgestühl eingebaut werden muss - schließlich sitzen die Priestermönche, ja meist aus dem Adel stammend, und die Konversen genannten Laienbrüder zwar im Langhaus unter dem gleichen Kirchendach, aber doch strikt getrennt.

Man lebt gut und fromm. Fleisch dürfen die Zisterzienser zwar nicht essen, aber Fisch - also legen sie 20 Stauseen und Weiher an, züchten insbesondere Karpfen, bauen viel Wein an. Bischof Gunther von Speyer stiftet der Abtei umfangreiche Ländereien, und die Pfalzgrafen bei Rhein, seit 1361 Schutzherren des Klosters, sorgen für den Bau dicker Mauern gegen die Württemberger.

Herzog unter Mordverdacht

Doch irgendwann nutzt das nichts mehr. 1504, im Zuge des Bayerisch-Pfälzischen Erbfolgekrieges, belagert der gerade 16-jährige Herzog Ulrich von Württemberg (1487-1550) Maulbronn und nimmt es dann ein. Das ist der Anfang vom Ende des Klosters Maulbronn. Zunächst ist es "nur" kein reichsunmittelbares Kloster mehr, sondern dem Landesherrn zu Steuerzahlungen verpflichtet. Sonst lässt der Herzog die Mönche zunächst in Ruhe. "Er hat andere Probleme, eine turbulente Ehe, Mordvorwürfe, fällt unter Reichsacht, muss ins Exil", erzählt Pechacek, weshalb 1519 bis 1534 Habsburger das Sagen haben.

Überfall in Speyer

1534 zurückgekehrt, führt Ulrich gleich die Reformation in Württemberg ein - und will durchgreifen, ordnet eine Inventur an. "Aber Abt Johannes von Lienzingen ahnt, was kommt, und setzt sich mit Silber, Siegel und Dokumenten in die Freie Reichsstadt Speyer ab", so Pechacek. Dennoch steht plötzlich eine herzogliche Kommission vor den Klostertoren, setzt die Mönche unter Druck, während ihr Abt ihnen aus der Distanz den Rücken stärkt. Der Abt wird sogar in Speyer von herzoglichen Dienern überfallen. Der zieht deshalb vor das Reichskammergericht, bekommt auch recht.

Aber das hat das Ende nur hinausgezögert. Kurze Zeit ist Maulbronn dazu ausersehen, alle reformunwilligen, renitenten Mönche im Land, "altgläubig" genannt, aufzunehmen. 1537 wird der Konvent in das elsässische Pairis verlegt - mit Kleinodien, Reliquien, Schätzen gehen alle ins Exil. Zurück dürfen sie, wenn auch gegen Ulrichs Willen, nachdem Kaiser Karl V. im Schmalkaldischen Krieg 1547/48 gegen ein Bündnis protestantischer Landesfürsten und Städte gewinnt und dadurch eine Rekatholisierung evangelischer Gebiete möglich wird - aber nur kurz.

Kanzel und Jagdschloss

Das Ende kommt mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555. Danach steht allein den Landesherrn die Wahl des Bekenntnisses in ihren Gebieten zu. Das setzt Herzog Christoph, der auf den verstorbenen Ulrich folgt, 1556 durch und schickt die letzten zwei katholischen Mönche mit einer Pension weg. Seine neue Klosterordnung knüpft an Martin Luthers Forderung, christliche Schulen zu unterhalten, an. "Mit der damals eingerichteten Klosterschule wird der Grundstein für ein wegweisendes Bildungssystem in Württemberg aufgebaut", betont Pechacek.

1560 erhält die Kirche daher eine Kanzel mit dem Wappen des ersten evangelischen Abts Valentin Vannius, gibt es doch statt der Messfeiern nun Predigtgottesdienste. Sonst wird über die Jahrhunderte nicht viel verändert, nur 1588 ein herzogliches Jagdschloss im hinteren Klosterhof ergänzt. Es bleibt der gotisch-wuchtige, streng-erhabene Stil, die Mischung aus Einfachheit und monumentaler Größe. Schließlich hat in Maulbronn in Zeiten, in denen andere (noch katholische) Klöster zu üppig-schnörkelig-barocker Prachtentfaltung übergehen, schon der schlichte Protestantismus das Sagen. "Ohne die frühe Reformation wäre Maulbronn nicht so gut erhalten, wir haben hier praktisch einen eingefrorenen mittelalterlichen Zustand", so die Konservatorin.

Hermann Hesses Roman

Zunächst werden evangelische Pfarrer und Lehrer ausgebildet, inzwischen ist es ein Gymnasium mit Internat. Aber an der katholischen Strenge ändert sich lange nicht viel. Die Klosterschüler werden als Novizen bezeichnet, ihr Tagesablauf an klösterliche Arbeits- und Gebetszeiten angelehnt und selbst ihre Kleidung orientiert sich - noch bis ins 19. Jahrhundert! - am Mönchs-Habit.

Ob wegen dieser Strenge die schmale Treppe vom Kreuzgang ins - einst wie heute für die Schule genutzte - Dormitorium im ersten Obergeschoss "Höllentreppe" heißt? "Nein", widerspricht Pechacek. Sie liegt vielmehr in der Nähe des Kalefaktoriums, wo offenes Feuer lodert und durch schmale Öffnungen Wärme in den darüberliegenden Bereich abgibt. Eine Stunde am Tag dürften sich die Mönche hier wärmen.

Später soll es aber Klosterschüler gegeben haben, die den Aufenthalt in Maulbronn geradezu als Hölle empfinden. Astronom Johannes Kepler (1571-1630), einer der berühmten Schüler, schreibt nach Hause, er habe hier "Hartes erduldet". Und Hermann Hesse (1877-1962) leidet so unter der Strenge in Maulbronn, dass er später in seinem Roman "Unterm Rad" über die "Drillanstalt mit ihrer Aufgabe, württembergische Staatspastoren heranzubilden", klagt.