Politik

Jubiläum Die Reformation kommt in Europa und weltweit vielfach ohne den berühmten Antreiber Martin Luther aus

Eine deutsche Angelegenheit

In Deutschland wird das Reformationsjahr 2017 fast ausschließlich als Lutherjahr begangen. In Skandinavien mit seinen Lutherischen Volkskirchen wird man das nachvollziehen können. Anderenorts jedoch löst das eine gewisse Irritation aus. Bei den Feiern zu Martin Luthers 500. Geburtstag 1983 betreute ich als junger Pfarrer einen der angereisten internationalen Gäste, einen hochrangigen evangelischen Kirchenmann aus den Niederlanden. Dieser hat mir anvertraut: "Eigentlich sagt mir Luther überhaupt nichts. Das ist eine deutsche Angelegenheit. Er hat mit uns und unserer niederländischen Reformation wenig bis nichts zu tun."

Schweizer Prägung stärker

Ähnliches hörte ich auch von Theologen aus England, Frankreich und nicht zuletzt aus der Schweiz. Diese Liste ließe sich weiter fortsetzen. Es lohnt also, in diesem Gedenkjahr genauer hinzuschauen. Fest steht: Die mit Luther zeitgleiche, aber durchaus von ihm unabhängige Schweizer Reformation hat den Protestantismus weltweit sehr viel nachhaltiger geprägt als der Wittenberger. Das gilt interessanterweise selbst für die große anglikanische Kirchenfamilie in angelsächsisch geprägten Ländern. Die Zürcher Bibel von 1531 war zudem die erste vollständige deutsche reformatorische Bibelübersetzung. Die Lutherbibel erschien 1534. Nicht zu vergessen ist bei alledem der kleine, doch heute weltweit sehr verbreitete täuferische Reformationszweig.

2017 fast ausschließlich als Lutherjahr zu feiern, bedeutet eine Blickverengung. Die Reformation war ein vielgestaltiges, europäisches Ereignis mit weltweiten Folgen. Bereits ein flüchtiger Blick in die Regionalgeschichte ist aufschlussreich: Nach Luthers Tod brach ein heftiger, höchst unwürdiger Kampf unter den reformatorisch gesinnten Theologen aus: Was ist die richtige Reformation? Einige wollten auch reformatorische Impulse aus der Schweiz aufnehmen. So geschah es beispielsweise in der Kurpfalz. Das hat hier über Jahrhunderte hinweg viele Gemeinden geprägt.

Über den Heidelberger Katechismus, den Konfirmanden noch am Anfang des 20. Jahrhunderts lernen mussten, und durch die gottesdienstliche Ordnung waren die Schweizer Reformatoren Huldrych Zwingli und Johannes Calvin hier sehr viel präsenter als Luther. Fatal, wenn das Lutherjahr dazu verführte, diese geistliche Prägung zu vergessen.

Unlängst wurde ich gefragt, ob ich als evangelischer Pfarrer nicht meine, dass auch Katholiken oder orthodoxe Christen dem Wirken Luthers etwas Positives abgewinnen sollten. Was soll man darauf sagen? Bei den Orthodoxen sehe ich die Sache so: Von Ausnahmen abgesehen, ist ihnen das westeuropäische theologische Denken recht fern, sei es nun katholisch oder reformatorisch. Diese Konfessionsfamilie mit ihren sehr viel älteren Traditionen tickt einfach anders.

Allerdings verlieren die in Deutschland tätigen orthodoxen Kirchen langsam ihren nichtdeutschen nationalen Hintergrund. Ob Luther eines Tages orthodoxen Christen, die sich vornehmlich als Deutsche fühlen, mehr zu sagen hat als derzeit, bleibt abzuwarten. Bei den katholischen Mitchristen liegen die Dinge völlig anders. Hier gibt es eine vielfältige, sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit Luther, aber auch mit Calvin, teils mit erstaunlichen Folgen.

Man muss nur in ein katholisches Gesangbuch schauen oder eine Messe besuchen. Reformatorische Impulse fanden hier reichlich Aufnahme. Das Wichtigste ist jedoch die gemeinsame Erklärung von Katholischer Kirche und Lutherischem Weltbund zu der für Luther so zentralen Rechtfertigungslehre. Hier gibt es heute glaubensmäßig keine Spaltung mehr.

Ökumenische Versöhnung

Die großen Gemeinsamkeiten wurden für Deutschland jetzt noch deutlicher herausgestellt. Am 11. März dieses Jahres gab es in Hildesheim im Zeichen des Reformationsgedenkens einen ökumenischen Versöhnungsgottesdienst. Er wurde gemeinsam von der Evangelischen Kirche in Deutschland und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz verantwortet.

Etliche katholische Mitchristen sagten mir: "Mit Luther kann ich eine Menge anfangen, mit der heutigen Evangelischen Kirche sehr viel weniger." Zum Reformationsgedenken gehört für mich, auch das zu hören und selbstkritisch das eigene Denken und Tun zu befragen.