Leserbrief

Leserbrief Zur Situation von Flüchtlingen, die vor allem noch den Krieg im Kopf haben

Menschen und keine Aktenzeichen

Das sind Menschen, keine Aktenzeichen. Sie haben den Krieg, vor dem sie aus ihrem Land geflohen sind, im Kopf, die Gewalt, die Zerstörungen, die Flucht und die Sorge um die Menschen, die sie zurückgelassen haben. Das treibt sie um, begleitet sie den Tag hindurch und verfolgt sie bis in die Schlaflosigkeit.

Und seit ihren ersten Schritten auf deutschem Boden steht über allem, was ihnen neu begegnet, fordernd und fast bedrohlich: Du musst! Du musst in eine Gemeinschaftsunterkunft, du musst zu Ämtern und Behörden, du musst Deutsch lernen: der, die, das. Du musst dich anpassen, dankbar sein und höflich, du musst zur Anhörung, zum finger-print, deinen Ausweis, deinen Titel erlangen, Du musst dich integrieren, dein Kopftuch ablegen, Deutsch lernen: gehen, ging, gegangen. Du musst.

Und du musst auch erkennen, dass man hierzulande wenig weiß über das Land, aus dem du kommst, über deine Sprache, deine Gewohnheiten und Traditionen, deinen Glauben. Wenn du beispielsweise aus Syrien kommst, wo mit Damaskus und Aleppo zwei der ältesten Städte der Welt sind und wo zwischen Euphrat und Tigris die Wiege der europäischen Kultur und Zivilisation stand, wirst du feststellen, dass das den meisten Menschen hier unbekannt ist.

Auch dass dir das Leben in einer großen Familie und mit vielen Freunden sehr viel bedeutet, dass Gastfreundschaft im arabischen Raum ein hohes Gut ist, das du hier, wie selbstverständlich auch mit Fremden pflegst wie in deiner Heimat. Und du musst erfahren, dass viele dir hier mit Misstrauen, Ablehnung oder Feindseligkeit begegnen - weil alles Fremde sie verunsichert, weil sie wenig über dich wissen und auch nicht mehr von dir wissen wollen. Du musst.

Der nach Deutschland Geflüchtete ist vom ersten Tag an einem ständigen Druck ausgesetzt. Er muss schon deshalb viel lernen, weil hier alles neu und anders ist als dort, woher er kommt: Einkaufen, Geldwechseln, Fahren mit Bahn oder Bus, die Straße überqueren, Verkehrsregeln, deutsche Bürokratie und ihre Hürden, Deutsch lernen: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, gern mit und ohne "e" am Ende, zur Post oder auf die Post gehen - viel Ballast der Grammatik, die den meisten Deutschen nicht geläufig ist.

Das alles soll in deinem Kopf Platz finden, vermischt sich mit deinen Erinnerungen, Traumata und Sorgen um deine Familie in der Heimat. Alles wiegt schwer und schüttet die Hoffnung zu, die du brauchst, um zu leben.

Und das willst du, leben, durchatmen, wieder Schlaf finden, eine Arbeit haben, von der du leben kannst, das Grundgesetz lernen und achten, Spielregeln einhalten, dich einfügen ohne dich aufgeben zu müssen, Deutsch sprechen, neue Freunde finden. Du willst lebendig sein, ein Mensch mit Gedanken, Gefühlen, neuen Zielen, nicht nur ein Aktenzeichen, unter dem ein ganzes Leben abgeheftet werden kann.

Es kann dir aber beispielsweise passieren, dass bei der Arbeitssuche von dir verlangt wird, so mobil zu sein, dass du umziehst, obwohl du gerade an einem Ort angekommen bist, wo du dich wohlzufühlen beginnst, wo du ein Stück zuhause gefunden hast.

Gleichzeitig gibt man dir zu verstehen, dass wenn du dich weigerst, deine "Leistungen" gekürzt oder gar eingestellt werden.

Die wohl wichtigste Aussage unseres Grundgesetzes sichert dir zu, dass bei uns "die Würde des Menschen unantastbar" sei. Das aber wird bei Flüchtlingen allzu oft ignoriert oder gar verletzt. Die in unser Land geflüchtet sind, wollen nicht in Watte gepackt werden, aber sie haben ein Recht auf Achtung und Respekt, auf ihre Würde. Denn ob Integration gelingt oder ob sie schiefläuft, das liegt auch an uns Deutschen.

Wieviel Zeit wir ihnen lassen, sich zurecht zu finden, wie wir mit dieser großen Aufgabe "Integration" umgehen. Ein arabisches Sprichwort sagt: "Geduld und Humor sind zwei Kamele, mit denen du die Wüste durchqueren kannst."

Beides ist für einen Flüchtling in Deutschland heute ein wichtiger und unverzichtbarer Begleiter.