Lebenslust

Interview HNO-Mediziner Professor Dr. Ulrich Sommer und Dr. Richard Birk über den Duft des Frühlings

"Riechen spricht Emotionen an"

Wer an Frühling denkt, sieht vor seinem inneren Auge blühende Mandelbäume, erinnert sich an die wohlige Wärme der ersten Sonnenstrahlen auf der Haut und singende Vögel. Wenn dann auch noch dieser frische Frühlingsgeruch in der Luft liegt, ist die wärmere Jahreszeit mit allen Sinnen spürbar. Welche Bedeutung das Riechen gerade im Frühling hat und warum Menschen Düfte so stark mit Emotionen verbinden, erklären die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte Professor Dr. Ulrich Sommer und Dr. Richard Birk vom Universitätsklinikum Mannheim.

Herr Sommer und Herr Birk, man sagt ja, dass der Frühling in der Luft liegt. Wie würden Sie diesen Geruch beschreiben?

Dr. Ulrich Sommer: Der Winter riecht vom Prinzip erstmal nach gar nichts. Es blühen keine Pflanzen, zudem regnet es mehr und es ist deutlich klarer. Das ist der größte Unterschied zum Frühling. Im Frühling nehmen wir dann erstmals eine Veränderung war, dass es überhaupt nach irgendetwas riecht. Die Duftmoleküle der Pflanzen, die wieder austreiben, füllen die Luft - es riecht endlich wieder nach was.

Warum empfinden Menschen diesen Geruch als sehr angenehm?

Sommer: Grundsätzlich ist es erstmal nicht bestimmt, ob ein Geruch angenehm oder nicht angenehm ist. Es ist etwas, was bei Menschen hauptsächlich erlernt ist. Das Besondere beim Riechvermögen ist, das dieses vorher nicht gefiltert wird. Wenn ich etwas sehe oder höre, muss diese Information erst das Tor zum Bewusstsein, den Thalamus, passieren, um dann vom Gehirn verarbeitet zu werden. Das Riechvermögen dagegen hat eine Abkürzung in den ältesten Teil von unserem Gehirn. Auch Langzeiterinnerungen werden in diesem Teil gespeichert.

Was hat das zur Folge?

Sommer: Riechen spricht aufgrund dieser Direktverbindung unsere Emotionen an. Das ist von Kind auf gelernt, dass der Geruch des Frühlings etwas Positives ist. Daher verbinden wir diese Blumendüfte mit etwas Positivem. Dabei ist die Wirkung der Gerüche viel stärker, als wenn wir die Blumen nur sehen würden.

Sie haben ja gesagt, dass der Winter nach nichts riecht. Gibt es denn im Sommer und Herbst auch typische Gerüche wie im Frühjahr?

Sommer: Im Herbst ja. Das sind der Geruch von dem verwelkendem Laub oder Pilzen, die sich darin ansiedeln. Im Sommer ist die Veränderung zum Frühling nicht so stark, daher riecht man da eher weniger.

Dr. Richard Birk: Dadurch, dass sich der Geruchsinn sehr schnell adaptiert, gewöhnt man sich an einen Geruch und nimmt ihn schließlich nicht mehr wahr. Das heißt, dass man die ersten Frühlingsgerüche oder auch wenn man von der Stadt in den Wald kommt, besonders intensiv wahrnimmt.

Welche Bedeutung hat das Riechen für unser Wohlempfinden?

Sommer: Eine ganz entscheidende. Das liegt wieder an der Abkürzung des Riechens zum Bewusstsein und dem entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns. Dort sprechen verschiedene Duftstoffe direkt unsere Emotionen an und können Wohlbefinden, aber auch Ängste auslösen - das ist alles möglich durch das Riechen.

Wenn Gerüche so stark mit Erinnerungen verbunden sind, gibt es dann überhaupt Düfte, die überall auf der Welt als angenehm empfunden werden?

Sommer: Nicht mal Gerüche, die grundsätzlich positiv besetzt sind, wie gutes Essen, lösen die gleichen positiven Assoziationen aus. Wenn man jemanden, der beispielsweise in Asien aufgewachsen ist, fragt, wie gutes Essen riecht, dann wird der ganz andere Düfte damit assoziieren als ein Mitteleuropäer. Bei uns ist zum Beispiel der Geruch von Weihnachtsplätzchen mit positiven Erinnerungen verbunden, wohingegen jemand, der in Asien aufgewachsenen ist, die stärkeren Gerüche von Garküchen, die für ihn gewohnt sind, positiv wahrnimmt. Das hängt mit den Erinnerungen aus unserer Kindheit zusammen, die Emotionen hervorrufen.

Wie funktioniert das Riechen grundsätzlich?

Sommer: Zwischen den Augen hat man die Riechspalte. Auf dieser Riechspalte sitzen Flimmerhärchen, an denen Rezeptoren sitzen. Davon hat der Menschen zwischen 300 und 400 verschiedene Typen. Wenn ein Geruchsmolekül ankommt, dann setzt sich das an die Rezeptoren in einem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Jeder Geruch setzt sich aus einer Kombination verschiedener Rezeptortypen zusammen. Wenn wir beispielsweise Fisch riechen, dann nimmt das nicht ein Rezeptor wahr, sondern 30 oder 40 verschiedene. Diese Information geht dann ohne Umweg direkt an das Gehirn und wird dort verarbeitet. Durch diese Verschaltung kommt es, dass Düfte erst emotional bewusst werden, und dann erst assoziiert wird, was das eigentlich für ein Geruch ist.

Es gibt ja den Spruch, dass man manche Menschen einfach nicht riechen kann. Was ist an dieser Redewendung dran?

Sommer: Diese Redewendung hat ihren Ursprung in der starken Verbindung von Emotionen und Riechen. Das sieht man auch in der Redewendung "Das stinkt mir". Ob und wie sich Menschen untereinander riechen können, ist erst in letzter Zeit erforscht worden. Das hat viel mit den sogenannten HLA-Genen, kurz für Human Leukocyte Antigen, zu tun. Gerade bei der Partnerwahl spielt das wohl eine Rolle, da wir uns unbewusst Partner suchen, die möglichst verschiedene HLA-Gene haben. Das soll Inzest vorbeugen.

Birk: Zudem ermöglicht es eine größere Immunvielfalt für mögliche Kinder, die so ein besseres Immunsystem bekommen. Die Bedeutung des Geruchs für die Partnerwahl hat man in Studien nachgewiesen. Dafür mussten die Probanden an getragene T-Shirts vom jeweils anderen Geschlecht riechen. Diese haben sich angezogener gefühlt von dem Geruch jener Menschen, die andere HLA-Gene habe.

Wenn Sie mit Ihrem Wissen über Gerüche ein Parfüm für den Frühling kreieren müssten, wonach würde es riechen?

Birk: Am ehesten etwas frisches, mit Zitronen-, Pfirsich oder Rosenduft, da diese Gerüche positiv assoziiert sind. Wir würden vermutlich Pheromone dazu kombinieren, die den Träger für andere anziehend machen und signalisieren, dass ein gewisses Sexualverhalten vorhanden ist.