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Edvard Munch – Der moderne Blick: Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt legt ihren Schwerpunkt auf das Spätwerk des norwegischen Malers

Manisch besessen von der Wiederholung

Mädchen auf der Brücke: Das Bild aus dem Jahr 1902 zeigt den norwegischen Maler als Vorläufer und Bahnbrecher expressionistischer Kunst.

Mädchen auf der Brücke: Das Bild aus dem Jahr 1902 zeigt den norwegischen Maler als Vorläufer und Bahnbrecher expressionistischer Kunst.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt

Der Maler Edvard Munch (1863 - 1944) wird für seine ausdrucksstarke symbolistische Malerei gefeiert und gilt als Bahnbrecher des Expressionismus. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt nun eine große Ausstellung über unbekannte Seiten des norwegischen Künstlers, dessen Bild "Der Schrei" zu den Ikonen der Malerei der klassischen Moderne zählt.

Die in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou in Paris entstandene Ausstellung in der Schirn bietet eine neue Sicht auf sein Schaffen: Edvard Munch war ganz und gar modern - so die These dieser rund 130 Werke umfassenden Schau. "Edvard Munch. Der moderne Blick" stellt das wenig erforschte Spätwerk bis 1944 in den Vordergrund und beweist, dass Munch nicht nur ein Künstler des 19. Jahrhunderts, sondern ebenso des 20. Jahrhunderts war.

Im Zentrum wird Munchs Auseinandersetzung mit modernen Aufnahmetechniken wie Fotografie und Film oder der intimen Theaterbühne stehen. Seine Werke lassen erkennen, in welchem Maß er spezifisch fotografische oder filmische Kompositions- und Erzählformen, Posen und selbst Effekte in seine Malerei übernimmt.

In Ergänzung zu den rund 60 Gemälden und 20 Arbeiten auf Papier sind zwei Kapitel Munchs eigener fotografischer und filmischer Produktion gewidmet. Gezeigt werden 50 Fotografien in Originalabzügen sowie vier Filme Munchs. Ein weiterer Aspekt der Ausstellung führt vor Augen, wie der Künstler ein und dasselbe Sujet in Zeichnungen, in der Fotografie, der Malerei, der Grafik und sogar der Bildhauerei verarbeitet hat. Die häufige Wiederaufnahme von Motiven ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von Munchs Werk.

Edvard Munch wurde 1863 in Loten in der norwegischen Provinz Hedmark geboren. Seine Mutter starb mit 33 Jahren an Tuberkulose, als Munch fünf Jahre alt war; 1877 wurde seine ältere Schwester Sophie Opfer der Schwindsucht. Tod und Krankheit begleiteten die Familie zeit seines Lebens und sollten Munchs Werk ebenso maßgeblich prägen wie seine chronische manisch-depressive Störung. Nach dem Tod seines Vater 1889 und einer tiefen Depression entwickelte Munch in einer Art expressivem Symbolismus Metaphern und Bildformeln für innere Erlebnisse und wurde zum Wegbereiter des Expressionismus.

Munchs zunehmender künstlerischer Erfolg zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging mit ruhelosen Aufenthalten in Paris und Berlin einher und wurde zunehmend von Alkoholproblemen und psychischen Konflikten begleitet. Nach einem Nervenzusammenbruch und einer mehrmonatigen Behandlung im Spätsommer 1908 ließ sich Munch wieder fest in Norwegen nieder. 1916 erwarb Munch das Anwesen Ekely in der Nähe von Kristiania, wo er bis zu seinem Tod am 23. Januar 1944 zurückgezogen, aber überaus produktiv lebte.

Im Gegensatz zu der gängigen Einschätzung, die Munch im letzten Lebensdrittel als gequälten und isolierten Menschen sieht, zeigt die Ausstellung "Edvard Munch. Der moderne Blick" den Künstler auf der Höhe der ästhetischen Debatten seiner Zeit und demonstriert, dass er sich in seinem Schaffen beständig im Dialog mit den neuesten Darstellungsformen befand. In elf Räume und neun thematische Bereiche gegliedert, illustriert eine reiche Auswahl wichtiger Gemälde und Arbeiten auf Papier, wie Munchs Kinobesuche, die Lektüre von Illustrierten und sein naturwissenschaftliches Interesse ebenso Einfluss auf seine malerische Praxis hatten wie seine eigenen Experimente mit Fotografie und Film. Ebenso führten seine Bühnenbilder für das moderne Theater zu einer neuen räumlichen Beziehung zwischen Betrachter und Bildmotiv.

Weitere Markenzeichen des "späten" Munch sind die zahlreichen Wiederholungen von Sujets und die häufig damit verbundene Reduzierung auf eine prägnante Ausdrucksform. In der Wiederholung über die ganze Bandbreite der Munch zur Verfügung stehenden Medien hinweg zeigt sich nicht nur eine fast manische Besessenheit von diesem Thema. Damit ist Munch auch zweifellos derjenige Künstler seiner Generation, der sich der für die Kunst des 20. Jahrhunderts grundlegenden Frage der Reproduzierbarkeit des Kunstwerks mit dem größten Scharfblick gestellt hat.

Die Ausstellung wurde organisiert vom Centre Pompidou - Musée national d'art moderne in Paris. Im Anschluss wird die Ausstellung vom 28. Juni bis 12. Oktober in der Tate Modern in London präsentiert.

© Fränkische Nachrichten, Freitag, 17.02.2012

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