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FN-Sommer: Das historische Rathaus in Michelstadt aus dem Jahr 1484 ist Wahrzeichen und Aushängeschild zugleich

Einer der schönsten Fachwerkbauten

Von unserem Redaktionsmitglied Bernhard Müller

Das Michelstädter Rathaus zählt zu den schönsten und bedeutendsten Fachwerkbauten und ist zugleich eines der ältesten erhaltenen Rathäuser in Deutschland. Der gotische Profanbau - Aushängeschild und Wahrzeichen der Stadt im hessischen Odenwald - wurde 1484 errichtet. Das Baujahr ist mit gotischen Ziffern an den Tragpfosten der Nordseite und an der Vorderfront eingestemmt. Als die Ziffer vier benutzte man die nach unten offene oder halbe Acht, erläutert Stadt- und Gästeführerin Birgit Klar.

Das alte Rathaus mit seinen drei Türmchen, "in feinstem Fachwerk erbaut", steht in einem ausgewogenen Verhältnis zur großen Stadtkirche im Hintergrund, die dem Erzengel Michael und dem Heiligen Kilian geweiht ist.

Unbekannter Baumeister

Auf den mächtigen Eichenbalken der Erdgeschosshalle des Rathauses ruht der Oberbau, bei dem steile, stockwerkshohe Andreaskreuze erstmalig Anwendung beim Fachwerkbau fanden. Zudem wurde hier - ähnlich wie im Schiffsbau - erstmals ein liegender Dachstuhl verwendet, dessen Gewicht damit auf die Außenmauern verlagert wurde, wie Stadtführerin Birgit Klar weiter informiert.

Klicken Sie auf ein Bild, um die Großansicht zu erhalten.

Wer der Baumeister dieses imposanten Gebäudes ist, das ist bis heute nicht genau bekannt. Die schöne Westfront mit dem abgekanteten Giebel und den schönen Erkertürmchen gibt Zeugnis von der spätmittelalterlichen Baukunst.

In der unteren, ursprünglich ganz offenen Halle fand früher der Markt statt, wo heute auch noch die Stadtwaage hängt. In einem mächtigen Eichenpfosten an der Nordseite ist eine eiserne Elle eingelassen. Hier wurden die im Gebrauch befindlichen Maßstäbe geeicht, und jedermann konnte die auf dem Markt gekauften Tuchwaren nachmessen.

Markt und Gericht

In der Halle ist auch eine Tuchpresse mit einer dicken Spindel aus dem 16. Jahrhundert zu bestaunen. Sie gehörte dem Tuchmacher Johann Balthasar Reubold (1790 bis 1849) aus Stockheim im Odenwald. 1913 stiftete sie Georg Reubold, Gastwirt zum "Deutschen Haus", der Stadt Michelstadt,

Zudem tagte in der Halle des Rathauses das Halsgericht, so die Stadtführerin. Dabei wurden vor allem kleinere Vergehen wie Nachbarschaftsstreitereien oder Diebstähle verhandelt.

Im Obergeschoss mit seinen massiven Eichenbalken und schönem Fachwerk dagegen hatte das "ehrbare Gericht", später Rat der Stadt genannt, seinen Sitz.

Zu den Versammlungen hatte das jüngste Ratsmitglied die Rathausglocke zu läuten, deren Seil sich im Ratssaal befindet. Wer übrigens zu spät zu den Sitzungen kam, musste einen Obolus entrichten, und wer unentschuldigt fehlte, hatte eine Nachgebühr zu zahlen, die für soziale Zwecke verwendet wurde.

Im Speicheraufbau des Rathauses lagerte der vom "Kastenmeister" verwaltete Zehnte in Form von Getreide, Kartoffeln oder Rüben. Denn der Bürgermeister und seine Bediensteten wurden in Naturalien entlohnt, wie Birgit Klar berichtet.

Das Rathaus hat eine wechselvolle Geschichte zu verzeichnen. Es diente neben seiner eigentlichen Funktion schon als katholische Kirche, Soldatenlager, Lazarett und Schule. Zeitweise war im Gebäude die Verwaltung der Stadt (bis 1920) untergebracht. Bis 1973 fanden die Sitzungen der Stadtverordneten statt, ehe durch die Gebietsreform und den sich vergrößernden Rat der Saal zu klein wurde.

Hier fanden aber auch viele glanzvolle Empfänge und Staatsakte statt. Zudem wurden und werden im Ratssaal zahlreiche Trauungen vorgenommen. "Das Interesse, auch von Auswärtigen, ist sehr groß, in dieser tollen Atmosphäre zu heiraten", betont die Stadt- und Gästeführerin.

Aktuelle Nutzung

Auch für kleinere Konferenzen, Empfänge oder Ausstellungen wird der geschmackvoll eingerichtete Saal heute noch genutzt. Ebenso werden hier der traditionelle und bekannte Bienen- und der berühmte Weihnachtsmarkt eröffnet.

Lange Zeit war das schöne Fachwerk des Rathauses aber verdeckt. Wie alte Zeichnungen oder Abbildungen belegen, war der obere Baukörper von 1743 bis 1903 verschindelt.

Ein ganz anderes Ungemach, nämlich ein möglicher Abriss, hatte dem Rathaus im Jahr 1845 gedroht. Denn es sollte "nach dem schon vielseitig der Wunsch geäußert worden ist, daß dem alten Rathaus dahier ein besseres Aussehen gegeben werde und ferner der Anbau an demselben baufällig ist und die Straße verenge" ein Kostenvoranschlag zur Reparatur beraten werden. Der belief sich auf 526 Gulden, was eine Menge Geld war.

Die Ansichten der Gemeinderäte waren so verschieden, dass Bürgermeister Kilian Spiegel zu einer namentlichen Abstimmung schritt: Drei Gemeinderäte stimmten für den gänzlichen Abbruch des alten Rathauses und wollten ein neues bauen. Ein Gemeinderat sprach sich zwar für eine Reparatur aus, hatte aber auch nichts gegen einen Neubau.

Fünf Räte entschieden sich für die Reparatur, einige von ihnen nur für die vordringlichsten Ausbesserungsarbeiten. Und auch der Bürgermeister votierte für die Reparatur, wie in dem Buch von Falk Krebs "Das Rathaus der Stadt Michelstadt aus dem Jahr 1484" nachzulesen ist.

So wurde das Rathaus - aus heutiger Sicht glücklicherweise - gründlich renoviert und erhalten. Schließlich ist das Gebäude von kulturhistorischer Bedeutung, das sich zu einer großen Touristenattraktion entwickelt hat.

Nur nebenbei: Das historische Michelstädter Rathaus ist auch auf einer Briefmarke der Deutschen Post verewigt.

Fränkische Nachrichten
03. September 2010


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