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FN-Sommer: Einsiedlermönch in der Beghardenhöhle soll dem Pfeifer von Niklashausen seine Reden eingeflößt haben

Sozialkritik wurde zum "Massenevent"

Von unserem Redaktionsmitglied Diana Seufert

Er war Prediger, Sozialkritiker und ein Mann aus dem einfachen Volk: Hans Böhm, der aus Helmstadt bei Würzburg stammte und als Pauker oder Pfeifer von Niklashausen in die Geschichte einging. 1476 rief der Viehhirte die Menschen zur Umkehr auf und versprach ihnen den Sündenerlass. Die Jungfrau Maria selbst soll ihm in einem Traum in einer Höhle, unweit seiner Herde, erschienen sein und durch ihn die Menschen zur Buße gerufen haben. Die Erinnerung an den redegewandten jungen Mann wird im Tauberörtchen Niklashausen im Museum und auch in der Beghardenhöhle aufrecht erhalten.

Zusammen mit Marlise Düx geht es einen breiten Hohlweg hinauf. Die Ortsvorsteherin betätigt sich auch gerne als Touristenführerin. Am Ortsende, in Richtung Gamburg, biegt sie nach dem Pfarrhaus nach rechts ab. Etwas Kondition sollte man mitbringen, wenn es die alten Bewirtschaftungswege entlang geht.

Der zehnminütige Spaziergang führt vorbei an alten, wieder entbuschten Weiden und an Trockenmauern, die von eifrigen Senioren mühsam per Hand erneut aufgebaut werden. Einige hundert Meter haben sie am Mühlberg schon geschafft und dafür im vergangenen Jahr den Kulturlandschaftspreis des Schwäbischen Heimatbunds erhalten. Ein kleiner Schauweinberg mit alten Rebsorten wie Tauberschwarz, Elbling, Ruländer oder Traminer bietet eine schöne Möglichkeit zur Rast. Und Düx berichtet vom "Schwärzlichen Dreizahnmöschen", einer vom Aussterben bedrohten Moosart, die nur am Mühlberg zu finden sei.

Wenige Meter davor ist die kleine Höhle. "Der Pfeifer selbst hat wohl nie hier gewohnt", macht die Führerin deutlich. Eine Verbindung zum berühmten Bußprediger gibt es dennoch: Ein Einsiedlermönch, ein sogenannter Begharde, soll in dem kleinen Raum unter der Erde gelebt haben. Vielleicht war er ein Anhänger des böhmischen Kirchenkritikers Jan Hus. Der Legende nach soll der Mönch "auf dem Mühlberg gehaust und dem Pfeifer die Reden eingeblasen haben".

Mit den Predigten wurde die Wallfahrt nach Niklashausen, das bereits früher eine Gnadenkapelle besessen hatte, wieder erneuert. Unvorstellbare Massen kamen in das Steinhauerdorf, um die sozialkritischen Texte von Hans Böhm zu hören. "Er forderte gleichen Besitz für alle, Verweigerung von Frondienst, Zoll und Zehnten, freie Jagd und freien Fischfang für jedermann." Dieser Wunsch nach einer neuen Ordnung der Gesellschaft und zur Marienverehrung lockte die Menschen in Scharen. Innerhalb weniger Wochen sollen bis zum 70 000 Gläubige gekommen sein. "Die Gärten an der Tauber heißen heute noch Marketendergärten", erzählt die Ortsvorsteherin von der Wallfahrt als den "Tourismus des kleinen Mannes".

Das Massenevent war den damaligen Herrschern ein Dorn im Auge. Da aber Verbote der sozialkritischen Reden nichts nützen, ließ der Würzburger Fürstbischof Rudolf von Scherenberg den Pfeifer verhaften und nach Würzburg bringen. Am 19. Juli 1476 wurde Hans Böhm als Ketzer verbrannt.

Viel Platz ist nicht in dem kleinen Raum der Höhle, die vor 30 Jahren von Heinz und Franz Flegler wiederentdeckt wurde und mittlerweile zum Ausflugsziel geworden ist. Mit einer kleinen Feuerstelle ausgerüstet, wird hier gelegentlich gegrillt oder an lauen Sommerabenden der Blick ins Taubertal genossen. Viele Gruppen und auch Radler kommen auf die Anhöhe. Die nutzen meist aber den flachen, barrierefreien Zugang über die Würzburger Straße, der ausgeschildert ist.

Wer sich näher mit dem Pfeifer und der Geschichte des Ortes befassen möchte, sollte mit Marlise Düx das Museum besuchen. Zahlreiche Exponate, Schriftstücke, Bücher und auch Theaterstücke mit dem berühmten Hirten wurden zusammengetragen. Und die Ortsvorsteherin berichtet von einer Besonderheit: Der ersten Sozialversicherung Deutschlands. Die Steinhauer hätten in den vor 120 Jahren gegründeten Arbeiterverein Geld eingezahlt, um Witwen und Waisen ihrer Kollegen zu versorgen.

Sehenswert ist auch die evangelische Kirche von 1519. Sie geht zurück auf die Wallfahrtskapelle, die auch nach dem Tod des Pfeifers noch ein Anlaufpunkt gewesen war. Ein Fensterladen von 1476 ist noch erhalten, ein Teil des Eingangsportals wurde in der Vorderfront verbaut. Düx lenkt das Augenmerk auch auf die historische Kanzel von 1760 und die seltene pneumatische Orgel. Und natürlich auf die gefiederten Bewohner des Turms: die Fledermauskolonie. Für Marlise Düx wird in ihrem Heimatdorf Geschichte erlebbar.

Fränkische Nachrichten
31. August 2010


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