Bad Mergentheim

Archivalie des Monats Zu den besonderen Fundstücken im Bad Mergentheimer Stadtarchiv gehören zwei alte Schachteln / Fast 100 Jahre Hutgeschäft Lülf und Hild

Heute stöbern wir mal nach alten Hüten

Nicht ganz 100 Jahre lang gab es das Hutgeschäft L. Lülf und Sohn in Bad Mergentheim. Wer früher etwas auf sich hielt, ging nicht ohne Hut aus dem Haus.

Bad Mergentheim. Am liebsten würde Stadtarchivarin Christine Schmidt alles in ihren hilfreich beschrifteten und genau geordneten Aufbewahrungsboxen unterbringen, in die sie schon unzählige Schriftstücke, Akten und Dokumente vergangener Zeiten verstaut hat und die in Reih' und Glied die Regale füllen. Aber da gibt es doch einige Dinge, die sich nicht in diese nützlichen, grauen Ordnungs-Boxen fügen wollen. Zum Beispiel zwei alte Hutschachteln, die dem städtischen Archiv vor einigen Jahren von einem Privatmann als Geschenk überreicht wurden und die Christine Schmidt geradezu in die Hände fielen, als sie nach der Archivalie des Monats April suchte.

Was hat eigentlich ein Archiv mit alten Hutschachteln am Hut? Oder anders gefragt. Was kann ein Archiv mit alten Hutschachteln anfangen? Eine ganze Menge, wenn sie zum Beispiel beschriftet sind und Auskunft darüber geben, von welchem Geschäft sie stammen. Die eine der beiden ziemlich vergilbten Hutschachteln, wahrscheinlich in den 20er Jahren aus verstärkter Pappe angefertigt, stammt von L. Lülf und Sohn, Hutfabrikant in Mergentheim. Das Geschäft befand sich in der Bahnhofstraße 5. Dort konnten die Kunden feine Seiden-, Filz- und Modehüte erwerben.

Das Geschäft war von dem gelernten Hutmacher Friedrich Lülf gegründet worden, nachdem er mit seiner Familie 1868 von Goslar nach Mergentheim gezogen war. Leider verstarb er schon 1879 im Alter von nur 38 Jahren. Seine Frau Luise führte dann den Laden erst allein (für die Stadtarchivarin eine enorme Leistung in der damaligen Zeit) und dann zusammen mit ihrem Sohn Clemens weiter und nahm 1895 an der ersten Bezirks-Gewerbeschau in Mergentheim teil: "Lülf und Sohn, Hutmacherei und Putzgeschäft, Herrenhüte und garnierte Damenhüte", heißt es im damaligen Ausstellerverzeichnis. 1918 verstarb Luise Lülf mit 75 Jahren, die eine resolute Geschäftsfrau gewesen sein muss. "Ich geb die Peitsche net aus der Hand", soll sie einmal gesagt und damit ihren Führungsanspruch im Geschäft bis ins hohe Alter bekräftigt haben. Von der Dominanz der Seniorchefin zeugt auch der Firmenname "L. Lülf und Sohn", der noch bis in die 1960er Jahre beibehalten wurde. Das "L" steht für "Luise" und blieb als Zeichen der Wertschätzung erhalten.

Clemens Lülf, der Sohn der Seniorchefin, war mit der Mergentheimerin Berta Friesinger verheiratet und starb 1947, einige Jahre nach dem Tod seiner Frau. Aber zum Glück hatte das Ehepaar eine Tochter, die das Hutgeschäft weiterführen konnte.

Anneliese Lülf ist die Mutter von Jürgen Hild, der heute noch mit 74 Jahren in seiner Kanzlei als Steuerberater tätig ist. Auch sie muss eine starke und geschäftstüchtige Frau gewesen sein, denn schon wenige Jahre, nachdem sie Julius Hild geheiratet hatte, wurde ihr Mann 1943 in Russland von Partisanen verschleppt und galt seitdem als vermisst. Als alleinstehende Frau stand sie ihren Mann und bot in ihrem Geschäft nicht nur Hüte an, sondern erweiterte das Angebot um Herrenhemden, Krawatten, Handschuhe, Schirme und Taschentücher.

Jürgen Hild erinnert sich noch gut an die Silbernen und Goldenen Sonntage vor Weihnachten in den 50er Jahren, als an den verkaufsoffenen Feiertagen nach dem Mittagessen Menschenmassen aus den umliegenden Gemeinden mit dem Zug kamen und zur Stadt strömten und auch im Geschäft seiner Mutter die Kasse zum Klingeln brachten, wobei angesichts des Käuferansturms Verwandte und Bekannte im Laden mit anpacken mussten.

1966, nach fast 100 Jahren, endet die Tradition des Hutgeschäfts. Anneliese Hild, die, so erinnert sich ihr Sohn noch heute, den Betrieb mit Geschick, Bedacht und kaufmännischer Umsicht geführt hatte, zog sich ins Privatleben zurück und starb 1990 im Alter von 81 Jahren.

Es gab, wie die Stadtarchivarin zudem herausgefunden hat und wie wir dann von dem Nachfahren Jürgen Hild bestätigt bekommen haben, nicht nur das Hutgeschäft L. Lülf und Sohn in Bad Mergentheim, das zuletzt von Anneliese Hild geführt wurde, sondern auch noch das "Tante Lenchen" mit ihrem Hutgeschäft für Damen, und das befand sich in der Bahnhofstraße 1. Das "Tante Lenchen" war auch eine geborene Lülf, eine Tochter des Gründerehepaars, die ledig blieb und ihr Geschäft um 1950 aufgab, und da war sie immerhin schon 75 Jahre alt.

Und dann müssen wir noch das Geheimnis der zweiten Hutschachtel im Stadtarchiv lüften. Sie stammt von der Hutfabrik Friedrich Lohrer. Sie befand sich in der Burgstraße 11 und tätigte ihre Geschäfte vor allem von 1890 bis 1920.

Danach führte die Witwe Emilie Lohrer den Betrieb noch einige Jahre weiter.

Hier enden nun unsere natürlich nur ausschnitthaften Einblicke in das frühere Hutmachermetier in Mergentheim. . .