Bensheim

Parktheater "theaterlust München" führte John von Düffels Drama "Martinus Luther" auf

Luthers Leben - ein Leidensweg

Archivartikel

Bensheim."Hier stehe ich. Ich kann nicht anders": Der berühmte Luther zugeschriebene Ausspruch ist bezeichnend für die Inszenierung von John von Düffels Drama mit dem Titel "Martinus Luther", die am Mittwochabend im Parktheater zu sehen war. Das Stück zeichnet den Lebensweg des Reformators nach - als Leidensweg vom innerlich zerrissenen Studenten bis hin zum verbitterten alten Mann. Luther erscheint in der Inszenierung als fatalistischer, verzweifelter Gläubiger, zeitlebens gepeinigt vom inneren Konflikt zwischen seiner demütigen Gottesfurcht, den Erwartungen des Vaters und den Dogmen der Kirche.

Gelübde im Gewittersturm

Die Geschichte beginnt mit einem einschneidenden Erlebnis für den jungen Luther: Nachts zu Fuß auf unsicheren Pfaden im Wald bei Stotternheim bricht ein schweres Gewitter über den hilflosen Studenten herein. In seiner Todesangst fleht er Gott um sein Leben an und legt ein Gelübde der völligen Unterwerfung ab. Aus seiner Rettung folgt für ihn die Bestimmung, fortan als Mönch zu leben.

Die Entscheidung fällt gegen den vom Vater Hans für ihn vorgesehenen Weg. Unternehmer und Realist, voller Geringschätzung für die "müßigen" Kirchenleute, ist der Senior vor allem auf die Besserung der gesellschaftlichen Stellung der Familie und die Mehrung seiner Nachkommenschaft bedacht. Den Abschluss des Jurastudiums und die Erfüllung der für ihn arrangierten Heirat schweben ihm als nächste Schritte vor. Martin weiß wohl um die Pflicht gegenüber dem Vater, doch die Angst vor Gottes Gericht überwiegt. Luther beruft sich verzweifelt auf sein Gelübde, doch der Vater hat kein Verständnis für den "verblendeten" Sohn. Nach einer heftigen Auseinandersetzung kommt es zum Zerwürfnis.

Von Düffels Drama, inszeniert von Regisseur Thomas Luft, ist geprägt vom Text, von Dialogen und den Innenansichten des Protagonisten. Nie stehen bei der Aufführung von "theaterlust München" mehr als zwei Figuren auf der Bühne, an der kargen Kulisse ändert sich zumeist nur die Beleuchtung, Requisiten werden kaum gebraucht. So werden die Zuschauer während der ersten Hälfte intime Zeugen des Kampfes Luthers mit sich selbst. Man sieht und hört seine Furcht, sein verzweifeltes Flehen und die Klagen des gepeinigten Gewissens.

Auch nach seinem Eintritt ins Kloster wird Martin von Selbstzweifeln gequält. Der junge Mönch befürchtet Gottes Strafe, hält sich für unwürdig, übt sich zwanghaft in Frömmigkeit und Demut und stellt unerfüllbare Ansprüche an sich selbst.

Doch langsam wandelt sich die Haltung des Protagonisten. Nach dem Theologiestudium nimmt Luther seinen Kampf gegen den Ablasshandel auf. Voller Entschlossenheit und Eifer geht er mit seinen Thesen gegen das ausbeuterische Spiel des Papstes und dessen Verbündeter vor.

Nach 80 Minuten ist Pause. Die kommt nach dem emotionsgeladenen ersten Teil und der schieren Masse an Text wie gerufen. Doch trotz hoher Anforderungen an die Zuschauer ist es den Darstellern soweit gelungen, deren Aufmerksamkeit zu fesseln.

Die kürzere zweite Hälfte des Stücks macht hinsichtlich der Stimmung eine überraschende Kehrtwende. Die Hauptfigur fehlt zu Beginn der ersten Szene auf der Bühne, an Luthers Stelle lernen die Zuschauer dessen Frau Katharina ("Käthe") kennen, und es wird klar, dass es einen Zeitsprung gegeben hat. Ein junger Mann bringt ihr einen Brief für Käthes Tochter Margarete. Die mündige Gattin des Reformators mustert den schüchternen Bewerber ausgiebig, befindet ihn für unwürdig und versucht, ihn abzuwimmeln. Der witzige Dialog zwischen der emanzipierten, charakterstarken Dame des Hauses und dem ebenso naiven wie hartnäckigen Jüngling schafft mit seiner Komik eine spürbare Distanz zur Ernsthaftigkeit des ersten Teils des Abends.

Religiöse Promenadenmischung

Absurd wird es, als Käthe dem Bewerber um Töchterchen Margarete die "Gretchenfrage" stellt ("Wie halten Sie es mit der Religion?") und dieser sich als religiöse Promenadenmischung mit dem Namen Pius Rosenkrantz herausstellt, für den die Liebe zu Gott, zu Frauen und zum Leben sowie der Glaube überhaupt einerlei sind. In Käthes Kommentaren zu den Ansichten ihres weiterhin abwesenden Ehemanns über schnöde Papisten und Andersgläubige jeglicher Couleur wird dessen ganzes reformatorisches Wirken persifliert. Allmählich beginnt etwas durchzuscheinen, was in der auf Authentizität getrimmten ersten Hälfte des Stückes höchstens vage zu erahnen war: eine Botschaft des Autors.

Deutlicher wird es, als der inzwischen betagte Reformator wieder auf der Bildfläche erscheint und der ungebetene Gast ihm von Käthe aus Verlegenheit als Dachdecker vorgestellt wird. Der abgehalfterte Luther lädt den vermeintlichen Handwerksgesellen zu Speis und ausgiebigem Trank ein und schwadroniert dabei über die ihm so feindlich gewordene Welt und die Vergeblichkeit seines Lebenswerks.

Bei aller Ironie und Überzeichnung bleibt doch ein Hauch von Ernst erhalten, denn hin und wieder flammen in seinen Tiraden die noch immer schwelenden inneren Konflikte auf: Schuldgefühle gegenüber dem Vater, dem er schließlich doch sechs Enkel geschenkt hat, die Trauer über zwei verstorbene Töchter und Zweifel an der Gnade Gottes.

John von Düffels Drama "Martinus Luther" erweist sich als eine differenzierte Betrachtung von Luthers Leben, die den Reformator ernst nimmt im Versuch, seine Motive zu verstehen, jedoch auch mit kritischem Abstand zu seinem politischen Wirken Stellung bezieht und sich humorvoll pointiert gegen religiöse Intoleranz positioniert.

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